Aktuelles aus unserem Orden

„Wir gehören dem HERRN“  – Geistlicher Impuls für November 2021 

Ein Vers aus dem Römerbrief 

Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn“ (Röm 14,8). Mit diesem Vers geht Paulus auf ein Problem ein, das unter den christlichen Hausgemeinden in der Stadt Rom zu Tage getreten ist. Diese Gemeinden leben nur noch nebeneinander her. Auf der einen Seite gibt es „Konservative“. Diese beachten besondere Speise- und Kalenderfragen, die aus bestimmten Kreisen im Judentum stammen. Sie leben vegetarisch, verzichten auf Wein, halten an vielen besonderen Festtagen fest und unterbrechen häufig ihren Alltag, um religiöse Pflichten zu erfüllen. Ihnen gegenüber stehen „Progressive“, die in ihren Essensgewohnheiten keine Einschränkungen gelten lassen und außer dem Sonntag und anderen hohen christlichen Festtagen keine weiteren besonderen „heiligen Tage“ kennen. Die beiden Gruppierungen waren offensichtlich so sehr zerstritten, dass sie keine gemeinsamen Gottesdienste feierten.  

Wie verhält sich Paulus? Er schlägt sich nicht auf die eine der beiden Seiten, obwohl er sicherlich aufgrund seines Verständnisses von Freiheit Sympathie für die „Progressiven“ gehabt hatte. Vielmehr propagiert Paulus ein Miteinander und empfiehlt den zerstrittenen Gemeinschaften, einander als Christinnen und Christen ernst zu nehmen.  

Die gegenseitige Akzeptanz, die dem Apostel Paulus ein Anliegen ist, entspringt keinem oberflächlichen Kalkül. Er begründet sein Anliegen mit der Christusbeziehung der Angehörigen beider Gruppierungen. Für beide Seiten gilt: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Durch die Taufe sind Christinnen und Christen mit Jesus Christus verbunden. Diese Verbindung zu Christus kann nicht einmal der Tod aufheben. Wenn aber nicht einmal der Tod den Bund zu Christus beenden kann, dann können es noch viel weniger die geringfügigen Grenzen, die die verschiedenen Christinnen und Christen aufgrund ihrer jeweiligen Überzeugungen ziehen und erfahren. Paulus fordert daher Respekt, Toleranz und die Bereitschaft zum Miteinander. Einzelne und Gemeinden sollen mutig die Einheit in Verschiedenheit gestalten, weil Getaufte zu Christus gehören.  

Ein Gebet von Martin Luther 

Viele Jahrhunderte später lässt sich der Augustinermönch Martin Luther vom Römerbrief faszinieren. Er hat die Möglichkeit, bei einem französischen Bibelwissenschaftler zu studieren. Dieser lehrt ausgehend vom Römerbrief: Allein Christus und allein Gnade. Als junger Theologe (vor 1517), macht sich auch Martin Luther daran, eine Vorlesungsreihe über den Römerbrief zu halten und zu schreiben. Ausgehend von dem Vers „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn“, schreibt Luther ein kurzes Gebet: „Jesus, dir leb ich. Jesus, dir sterb ich. Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod.“  

Eine Melodie von Pater Franz Bihler 

Einige Jahrhunderte später schreibt der Benediktinermönch Franz Bihler zu diesen Versen von Martin Luther eine Melodie. Dieses Lied – ergänzt um eine zweite Strophe – hat im 19. Jahrhundert und mindestens bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts viele Menschen geprägt. Sie haben es gesungen bei der eucharistischen Anbetung und den Text häufig beim Kommunionempfang leise gebetet. Der Gesang wurde in viele diözesane Gesangbücher aufgenommen. Im Jahr 1975 wurde in Deutschland für alle Diözesen das „Gotteslob“ veröffentlicht. Das Lied „Jesus, dir leb ich“ galt als nicht mehr zeitgemäß. Es kam nicht ins Gotteslob. Im Jahr 2013 wurde ein überarbeitetes Gotteslob herausgegeben, das dieses Lied nun unter der Nummer 367 wieder enthält.  

Geistliche Anregungen 

Auf Pilgerfahrten im Heiligen Land begegnen wir sehr vielen christlichen Konfessionen: Orientalische Kirchen, die in den Jahrhunderten häufig verfolgt wurden, viel gelitten haben und dabei die Botschaft des Friedens Christi überzeugend leben; orthodoxe Kirchen, die aufgrund ihrer feierlichen Liturgie eine besondere Anziehungskraft ausüben; die aus der Reformation hervorgegangenen Konfessionen mit ihrer Liebe zum Wort Gottes; die Freikirchen, die die Gegenwart des Heiligen Geistes unterstreichen… Der Vers aus dem Römerbrief mag uns ermutigen, die Vielfalt der Konfessionen und den Reichtum anderer Traditionen wahrzunehmen. 

Wir erleben in unserer römisch-katholischen Kirche synodale Prozesse – in unserem Land und in der Weltkirche. Menschen formulieren unterschiedliche Kirchenbilder, verschiedene Vorstellungen vom Weg der Erneuerung der Kirche, pastorale Akzente, die scheinbar kaum zusammenpassen… Dabei werden die Positionen manchmal auch sehr fordernd dargestellt, was wiederum irritiert. Ich vermute, dass uns Paulus die Bereitschaft zum Miteinander zusagen würde: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ Wenn nicht einmal der Tod die Gemeinschaft mit Christus zerstören kann, wieviel mehr ist es geboten, gut aufeinander zu hören. 

Gerade im Monat November gedenken wir der Verstorbenen. Das Lied „Jesus, dir leb ich“ erlebe ich als Hoffnungslied: Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod. 

Cfr. Dr. Martin Schomaker, Pfarrdechant und Domkapitular in Osnabrück 

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