Aktuelles

Wie geht es unseren Glaubensgeschwistern im Heiligen Land? Bericht der Heilig-Land-Vorsitzenden Cornelia Kimberger

Die Christen im gesamten Heiligen Land haben es in den Zeiten der Corona-Pandemie nicht leicht: Die Arbeitslosigkeit steigt stetig. Damit einhergehen vermehrte Armut, Hoffnungslosigkeit, Resignation und das Angewiesensein auf Hilfen von außen (Nahrung, Medizin und Mietenzahlung).

Die Situation der Christen im Heiligen Land – in Israel, Palästina und Jordanien – stellt sich verschieden dar:

Der Geschäftsführer des Lateinischen Patriarchats, Sami El Yousef, berichtet darüber, dass vor allem ultra-orthodoxe Juden in Israel, die den jüdischen Staat zum großen Teil nicht anerkennen, vom Coronavirus befallen(gewesen) sind. Der Staat Israel war einer der ersten, der Einreisebeschränkungen und Quarantänemaßnahmen ergriff, an die sich die Ultra-Orthodoxen nicht hielten. Bis zum 23.5.2020 waren knapp 17.000 Menschen in Israel am Virus erkrankt. 279 verstarben. Die Arbeitslosigkeit stieg von unter 4% auf 27%. Auch Christen sind davon betroffen. Mittlerweile werden Essenspakete an bedürftige Christen, auch in der Jerusalemer Altstadt, ausgegeben. Es geht darum, dass viele Familien ihre Schulden nicht bezahlen, ihren Steuer-und Gebührenzahlungen nicht mehr nachkommen können, da ihnen ihr Lohn fehlt.

Auch Migranten, die nun keine Arbeit mehr haben, da sie nicht mehr in den israelischen Haushalten, in der Gastronomie, in den Hotels arbeiten können, als Tagelöhner keinen Job finden, sind auf Spendengelder angewiesen, die der Patriarchatsvikar Fr. Rafic Nahra versucht, durch Fundraising zu generieren. Es fehlt an Nahrung und Medizin. Die Kinder müssen sogar mit dem Nötigsten versorgt werden. Das „Rahel Center“ und die Tageseinrichtungen in Tel Aviv im „Lady of Valour Center“ haben wieder geöffnet. Fr. Rafic bedauert allerdings, dass bisher nur einige Kleinkinder zur Betreuung gegeben werden, weil die Eltern arbeitslos sind. „Die Situation wird kritisch, wenn sie keine Arbeit finden. Unsere Aufgabe ist nun noch mehr caritativ“, stellt er fest. Ein Recht auf staatliche Sozialhilfen oder auf Krankenversicherung haben die Arbeitsmigranten in Israel nicht. Mitte März schlossen alle Schulen. Zum Glück wurden vom Kultusministerium alle Subventionen an die Schulen bis zum Jahresende ausbezahlt, so dass alle Schulen ohne große finanziellen Schwierigkeiten die Gehälter bezahlen konnten, betont der CEO des Lateinischen Patriarchats erleichtert.

Das öffentliche Leben läuft nun langsam wieder an. Natürlich sind auch in Israel Schutzmasken zu tragen, und es gilt die Abstandsregelung von 2 Metern zu anderen Personen.

In Palästina (Stand 23.5.2020 423 Infektionen, 2 Todesfälle) und Jordanien (700 Infektionen, 9 Verstorbene) ist die Zahl der Infektionen relativ gering. Dort galten gleich zu Beginn der Pandemie strenge Beschränkungen.

Nachdem in einem Hotel in Bethlehem die ersten Coronafälle bekannt geworden waren, riegelten die palästinensischen Behörden die Stadt am 5. März ab. Schulen, Universitäten und Kirchen wurden geschlossen. Bis Ende Mai soll der Notstand vorerst gelten. Aus Anlass des zu Ende gehenden Fastenmonats Ramadan gilt zudem vom 22.5. bis zum 25.5. eine strenge Ausgangssperre.

Auch in Palästina ist ein hoher Anstieg der Arbeitslosenquote zu verzeichnen, denn das Leben steht still. Sami El‘Yousef geht davon aus, dass 50 – 70% der Menschen nun arbeitslos sind. Die Christen im Raum Bethlehem sind davon schwer betroffen, denn ein großer Teil von ihnen arbeitet im Tourismussektor. Es kommen keine Pilger. Die Kirchen sind geschlossen, alle Hotels, Restaurants und Souvenirläden sind zu. Reiseführer stehen auf der Straße. Sami El‘ Yousef stellt aber klar, dass es den Christen in Bethlehem noch besser ergeht als in anderen Teilen Palästinas.

Der Priester der Kirchengemeinde in Aboud, Abouna Firas, erzählt am Telefon: „Gott sei Dank! Wir haben keine kranken Leute in unserem Gebiet. Allerdings gibt es Viruserkrankte zum Beispiel in Hebron, in Jerusalem und in Galiläa. Wir hier sind ein abgeriegeltes Gebiet, und in unsere Dörfer kommt kein Fremder! Angst geht aber um, wenn Tagelöhner, die in Israel arbeiten, zurück in ihre Dörfer kommen. “Hoffentlich bringen sie nicht das Virus in ihre Heimatdörfer!” Stolz ist der “Abouna” auf die Arbeit der Lehrer. Die Schulen und Universitäten sind noch geschlossen, aber es gibt ein wunderbares Homeschooling, erklärt der Priester. Doch, so schränkt er ein, kommen nicht alle Schüler in den Genuss des Unterrichts am PC, denn nicht alle Familien haben das Geld, sich einen Computer zu kaufen oder sich ein Internet zu leisten. Oft scheitert das Homeschooling auch an der Qualität des „schnellen“ Internets. „Die Armut ist sehr, sehr schlimm“, klagt er, „besonders in diesen Tagen in einem Dorf wie Aboud! Es gibt einige Christen, die um Hilfe bitten.“ Allerdings gibt es auch viele, die sich schämen, dies zu tun. „Wir haben genug Nahrungsmittel in Aboud, aber viele haben kein Geld, diese zu kaufen!“ Seit kurz nach Ostern bietet der Priester des kleinen Ortes, das umgeben von alten Olivenhainen ist, nun nach vielen Wochen des Verzichts, auch wieder Gottesdienste mit Eucharistiefeiern an.

Zusätzlich zur Pandemie mit all ihren prekären Erscheinungen kommt nun die Nachricht, dass Israel mit Unterstützung der USA beabsichtigt, Teile des Westjordanlandes zu annektieren. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat als Antwort alle Abkommen mit Israel und den USA für ungültig erklärt. Das bedeutet ein vorläufiges Ende des Friedensprozesses zwischen Israel und der Palästinenserführung. Wie sich die Lage politisch entwickeln wird, sorgt nicht nur den Priester aus Aboud.

Aus Gaza kommt die gute Nachricht, dass es nur einige wenige Fälle an Coronaerkrankten gab.

Auch in Jordanien gelten verschärfte Sicherheitsmaßnahmen mit Ausgangsbeschränkungen, die ab und an gelockert werden. Durch die Einreisebeschränkungen nach Jordanien liegt der Tourismus, mit eines der wichtigen Standbeine des wirtschaftlichen Lebens ist, am Boden. Im Haschemitischen Königreich leben rund 2 Mio. Flüchtlinge (bei 9,6 Mio. Bevölkerung), unter ihnen viele Christen, um die sich der Ritterorden ebenso kümmert wie um die rund 50.000 lateinischen Christen.

„Vor der Pandemie belief sich die Arbeitslosigkeit in Jordanien auf 19% und betraf hauptsächlich junge Menschen. Diese Quote hat sich in den letzten Wochen mindestens verdoppelt: Bei den unter 19-Jährigen erreicht die Arbeitslosenquote jetzt 49%, bei den 20-24-Jährigen 39%.“, schreibt der CEO des Lateinischen Patriarchates. Und der Priester der Gemeinde in Al Jubeiha, Abouna Butrus, berichtet, dass vor allem Tagelöhner in große Not geraten. „Sie bekommen ja nur dann Geld, wenn sie arbeiten. Aber wer kann sie im Moment denn einstellen?“ Wer in Banken, Apotheken, Krankenhäuser und anderen wichtigen Bereichen angestellt ist, nur der hat die Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, so der Priester. Er beklagt, dass die Lebenshaltungskosten immer teurer werden. „Unsere Vorräte an Obst und Gemüse gehen zu Ende. Nun sind wir im heißen Sommer, und nur noch im Jordangraben kann etwas wachsen und geerntet werden. Das reicht nicht für alle Jordanier. Die Grenzen rundherum sind dicht, und wir können Lebenswichtiges nicht importieren!“ Er befürchtet, dass die Bevölkerung unzufrieden wird. „Die Gehälter werden minimiert, und die Lebenskosten steigen!“ Auch in Jordanien lernen die Schüler übers Internet im Homeschooling. Und auch da fehlt es am nötigen Equipment und an der nötigen Infrastruktur.

Sami El‘Yousef freut sich über die Solidarität der Christen untereinander. „Die reicheren Gemeinden, aber auch Privatpersonen unterstützen die, die weniger haben“. Da in seinen Augen noch lange nicht die „Normalität“ Einzug halten wird, befürchtet er, dass die hohe Arbeitslosigkeit im gesamten Heiligen Land Bestand haben wird und daher die Christen längerfristig auf Unterstützung angewiesen sein werden.

Das Großmeisteramt des Ritterordens hat im Einvernehmen mit dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem und auf Anregung vieler Statthaltereien beschlossen, einen „Covid-19-Fonds für humanitäre Hilfe“ einzurichten, der speziell für die Folgen der Pandemie gedacht ist. Wie beschrieben, hat das Virus schwerwiegende Auswirkungen im Heiligen Land, insbesondere in Palästina und Jordanien.

„Der Covid-19-Fonds für humanitäre Hilfe soll denjenigen helfen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, für die Grundbedürfnisse ihrer Familien aufzukommen, wie z.B. Nahrung, Hygiene, Produkte für die Kinderpflege und Medikamente. In dieser Hinsicht wird erwartet, dass etwa 2.000 Familien während der Krise vom Patriarchat unterstützt werden müssen. Gleichzeitig soll der Fonds etwa 10.000 Familien finanziell unterstützen, die nicht mehr in der Lage sein werden, die Schulgebühren zu bezahlen“, soweit Seine Eminenz Kardinalgroßmeister Fernando Filoni. Priester Firas aus Aboud freut sich über die zugesagten Hilfen des Ritterordens. “Wir Priester warten auf die Überweisungen aus Rom und bereiten im Moment Listen mit den Namen der Hilfsbedürftigen und ihrer Nöte vor!”

Csr. Cornelia Kimberger
Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission

 

 

 

Cookie-Einstellungen

Wir verwenden auf www.oessh.net Cookies (z. B. Tracking- und Analytische Cookies), mit denen eine Analyse und Messung von Nutzerdaten möglich ist. Weitere Informationen finden Sie hier: