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Werft das Netz aus… Impuls zum 3. Ostersonntag 2022

In seinem Impuls zum dritten Sonntag der österlichen Zeit 2022 setzt sich der Geistliche Zeremoniar der deutschen Statthalterei, Confrater Prof. Dr. Winfried Haunerland, kritisch mit der Krise der Kirche auseinander. Trotz aller Kritik und Widrigkeiten bleibt jedoch die Zuversicht in den Fortbestand der Kirche unerschütterlich. Auch wenn unvermeidliche Veränderungen anstehen, wird die Kirche, die versucht auf Jesus zu hören, nicht untergehen. Ein nachdenklich stimmender Impuls, der aber auch kraftvoll durch Zuversicht in die Zukunft und Gegenwart besticht.

Die Stimmung in der Kirche ist schlecht. In den Medien jedenfalls findet sich eine Fülle von Stellungnahmen, die mit beschwörenden Worten die Krise der Kirche beschreiben und mit geradezu endzeitlichem Pathos von der letzten Gelegenheit sprechen, jetzt zu notwendigen Reformen zu kommen. Vor diesem Hintergrund stehen skeptische Stimmen und kritische Rückfragen leicht unter dem Verdacht, die Dramatik der Entwicklung nicht ernst zu nehmen und die notwendigen Korrekturen zu verweigern.

Die gesellschaftliche Position der Kirche

Je länger je mehr kann ich allerdings diesen apokalyptischen Ansagen immer weniger abgewinnen. Keine Frage: Wir haben tiefgehende Krisen in der Kirche, deren Folgen wir nicht absehen können. Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte (und nicht erst der letzten 22 Jahre seit den ersten Erkenntnissen zu sexuellem Missbrauch in der Kirche) haben die gesellschaftliche Position der Kirche grundlegend verändert. Ihr politischer Einfluss ist geschwunden und wird weiter schwinden. Das Vertrauen auch in ihr sozial-karitatives Handeln muss immer wieder verdient werden. Die institutionelle Größe der Kirche in Deutschland entspricht bei weitem nicht mehr ihrer finanziellen und moralischen Potenz. Die Sozialgestalt der Kirche wird anders werden – und manches, was uns bisher als selbstverständlich erschienen ist, wird vermutlich sich grundlegend verändern oder auch ganz wegbrechen.

Krisen sind unvermeidbar und erfordern eine Korrektur an Strukturen und Institutionen

Aber solche Krisen hat es in der Kirche immer wieder gegeben. Es gehört zu den unvermeidbaren Gefahren einer Kirche, die eine Institution mitten in dieser Welt ist, dass sie sich hier einrichtet und dabei der gegenwärtigen Gestalt eine Aufmerksamkeit schenkt, die zwar menschlich verständlich, aber vom Auftrag der Kirche, vom Evangelium und aus der Perspektive Jesu nicht gefordert ist. Deshalb müssen Fehlentwicklungen identifiziert, Reformbedarf erkannt und Korrekturen umgesetzt werden. Über die Instrumente dieses Prozesses kann man streiten, sie sind nie alternativlos. Doch auch wer die Strukturen des Synodalen Weges oder des weltweiten synodalen Prozesses, den Papst Franziskus angestoßen hat, mit Sorgen betrachtet, darf sich nicht der Illusion hingeben, es dürfe alles bleiben, wie es ist. Eine Kirche, die in der Nachfolge Jesu bleibt, bedarf der Umkehr und Erneuerung. Und das geht nicht ohne die Umkehr und Bekehrung der Einzelnen, aber es geht auch nicht ohne eine Korrektur an Strukturen und Institutionen, die sich als hinderlich erwiesen haben.

Wir dürfen den Bezug zu Jesus nicht verlieren

Weil die Kirche eine Institution mitten in dieser Welt ist, gelten für sie viele Regeln und Mechanismen, die auch für anderen irdische Institutionen gelten. Insofern kann die Kirche von manchem lernen, was sie selbst etwa in der Tradition der christlichen Soziallehre anderen ins Stammbuch geschrieben hat. Es ist auch nicht von vorneherein falsch, wenn wir uns Rat bei anderen Großinstitutionen holen, um Fehler zu vermeiden, die andere schon gemacht haben. Aber zugleich müssen wir im Blick haben, dass die Zukunft der Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden und als Jüngerschaft Jesu genau nicht an den richtigen Strukturen hängt, sondern daran, dass wir den Bezug zu Jesus nicht verlieren.

Wer nicht versucht, wird auch keinen Erfolg haben

Die Perikope Joh 21,1-14, die am 3. Ostersonntag verkündet wird, kann in dieser Spannung eine heilsame Mahnung sein. Die Jünger sind Fischer und verstehen etwas von ihrem Handwerk. Und trotzdem haben sie in der ganzen Nacht keine Fische fangen können. Bei ihrer Rückkehr treffen sie auf Jesus, der sie noch einmal zum Fischfang ermutigt: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden.“ Jeder Fachmann hätte davon abgeraten: Wenn schon in der Nacht den erfahrenen Fischern kein Fang gelingt, dann erst jetzt nicht nach Sonnenaufgang. Man möchte fast sagen: Gut, dass die Jünger keine Unternehmensberatung befragt haben. Denn gegen alle professionelle Plausibilität wird der neue Versuch zu einem großen Erfolg: „Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fisch war es.“

Die Treue zu Jesus ist essentiell

Die Erzählung vom „Frühstück am See von Tiberias“, wie unsere Perikope auch schon einmal genannt wurde, löst nicht unsere handfesten Reformprobleme. Sie desavouiert auch nicht alle handwerklichen Ratschläge. Aber sie ist eine eindringliche Mahnung, bei allem innerweltlichen Reformdruck gemeinsam zu fragen, was der Herr der Kirche von uns heute will. Es kann hilfreich sein, viele Aspekte dabei zu berücksichtigen und zu fragen, welche Strukturen so aus der Zeit gefallen sind, dass sie in einer demokratischen Gesellschaft vielleicht nur als Machtinstrumente interpretiert werden können. Aber wenn die Kirche nicht sich selbst als Produkt verkaufen will, sondern Zeugin des Evangeliums bleiben will, dann braucht sie die Treue zu Jesus auch dort, wo ihr dies keinen Beifall gibt.

Die Selbstverständlichkeit der Eucharistiefeier muss erhalten bleiben

So macht beispielsweise die massiv zurückgehende Akzeptanz der sonntäglichen Eucharistiefeier natürlich die Frage notwendig, ob unsere konkrete Feierpraxis hinderlich ist. Aber der mangelnde Zuspruch darf – so meine Überzeugung – niemals dazu führen, dass die Kirche auf die sonntägliche Messfeier einfach verzichtet und durch bessere „Angebote“ ersetzt. Eine Kirche, die den vom Evangelium bezeugten Auftrag „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ nicht mehr ernst nimmt, überhört die Stimme ihres Herrn. Die missionarisch motivierte Suche nach neuen Gottesdienstformen, in denen die Kirche auch mit suchenden Menschen zusammen feiern kann, bleibt nur dann wirklich kirchlich, wenn diese Suche nicht die Sorge um die selbstverständliche Feier der Eucharistie ersetzt. Deshalb bin ich so dankbar für die Vielen, die in großer Treue am Sonntag die Messe feiern, weil es für sie einfach dazugehört.

Der Ruf in die Kreuzesnachfolge

„Werft das Netz aus…“ Das ist der Auftrag Jesu für seine Jünger am See von Tiberias. Die Fruchtbarkeit dieses Gehorsams wird in der Perikope durch die große Zahl illustriert. Doch sollten wir daraus nicht folgern, dass Nachfolge Jesu und Gehorsam gegenüber seinem Wort immer menschlich messbaren Erfolg bringt. Der Ruf in die Nachfolge ist auch Ruf in die Kreuzesnachfolge, und die Teilhabe am Ostersieg mit Jesus setzt auch Leidensgemeinschaft mit ihm voraus. Darauf müssen wir uns einstellen.

Die Zuversicht ist und bleibt unerschütterlich

Doch in diesem Bewusstsein gilt es über die Grenzen von kirchenpolitischen Gruppierungen und Optionen hinaus zu fragen: Was ist Jesu Wort für uns heute? Was will er uns sagen? Wo treffen wir ihn und hören gemeinsam sein Wort: „Werft das Netz aus…“?

Auch wenn ich es mir wünschen würde: Eine Garantie, dass sich unser Gehorsam in einem statistisch nachweisbaren Erfolg niederschlägt, gibt es nicht. Aber meine Zuversicht bleibt bestehen: Eine Kirche, die auf Jesus zu hören versucht, wird nicht untergehen, auch wenn sich ihre Gestalt und damit auch manches, was mir lieb ist, verändert. Denn die Kirche, das sind die Getauften, die zu Jesus gehören und sich von ihm versammeln lassen. Und diese wird es auch morgen und nach der nächsten Krise geben. Das können wir sogar erleben – jeden Sonntag in unseren Pfarreien und in unseren Komtureien immer dann, wenn wir zur Messfeier zusammenkommen.

Cfr. Prof. Dr. Winfried Haunerland

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