Aktuelles aus unserem Orden

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ 

Theologische Meditation zum Jahresmotto (Hebr 13,2)

In unserer von der Pandemie geprägten Lebenswelt wird Gastfreundschaft augenblicklich nicht unbedingt als die höchste aller Tugenden angesehen. Im Gegenteil: Dort, wo man heute „gastfrei“ ist, verstößt man mitunter sogar gegen Gesetze und Verordnungen. Das gilt auch im Bereich der Kirchen. So wurde beispielsweise zu Ostern seitens der staatlichen Stellen darum „gebeten“, unsere liturgische Gastfreundschaft zu virtualisieren – als ob das noch etwas mit Gastfreundschaft in ihrem tiefen und umfassenden Sinne zu tun haben würde! 

Gastfreundschaft bereichert Gast und Gastgeber gleichermaßen 

Das Wort, das im griechischen Urtext des Hebräerbriefes für Gastfreundschaft verwendet wird, xenophilía, meint so viel wie Freundlichkeit, Ehrerbietung und Liebe gegenüber dem Fremden – also dem gegenüber, der eigentlich nicht bei mir daheim ist. Interessant dabei ist der Umstand, dass der Begriff xénos im Griechischen nicht allein den Fremden meint, der ehrerbietig um Obdach bittend als Gast aufgenommen werden soll, sondern auch den Gastgeber, der ihm dieses Obdach gewährt und ihn in seinem Haus freundlich aufnimmt. Diese Xenophilie verweist also von allem Anfang an auf eine wechselseitige Beziehung zwischen Fremden und Gastgeber. Als eine solche Beziehungsform war die Gastfreundschaft in der ganzen Antike in allen Kulturen bekannt und wurde überall als hohe soziale und persönliche Tugend anerkannt.  

Die heilsgeschichtliche Bedeutung der Gastfreundschaft 

Gastfreundschaft hatte zunächst keinen religiösen Grund. Sie war vielmehr Ausdruck einer jahrtausendelang geübten Überlebensstrategie in unwirtlichen und menschenfeindlichen Umgebungen. Ohne die gegenseitige Bereitschaft, den jeweils Fremden als Gast bei sich aufzunehmen, ihm Obdach, Nahrung, Wasser und Sicherheit zu geben, war man den Unbilden der Natur schutzlos ausgeliefert und häufig genug verloren. Die Gastfreundschaft war also schlichtweg eine Notwendigkeit. Das machte sie aber nicht weniger heilig, geradezu sakrosankt: Weil man ohne Gastfreundschaft unterwegs stets in Todesgefahr war, musste sie jedem, der sich friedlich, ohne Waffen und damit in gewisser Weise schutzlos in die Abhängigkeit des Gastgebers begab, gewährt werden. Aus rationaler und ethischer Notwendigkeit wurde dann aber - wie so oft - ein göttliches Gebot, dem man Folge zu leisten hatte. Viele Zeugnisse der Hl. Schrift haben demgemäß die Pflege und das Lob der Gastfreundschaft zum Inhalt. Und schon recht früh wird sie theologisch und heilsgeschichtlich umgedeutet. So wird im Buch Deuteronomium die Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden mit den Erfahrungen der eigenen Geschichte des Volkes Israel begründet: „Er (der Herr) liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen“ (Dtn 10,18b - 19). 

Gastfreundschaft als zentrale Tugend menschlicher Umkehr 

Gerade angesichts dieser heilsgeschichtlichen Bedeutung der Gastfreundschaft mag der Satz, der zugleich das diesjährige Leitwort unserer Ordensgemeinschaft darstellt, irritieren: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht!“ Warum musste man sich damals gegenseitig ermahnen, gastfreundlich zu sein? Gastfreundschaft galt doch, wie oben gezeigt, als ethische Selbstverständlichkeit und als religiöses Gebot. Noch einmal also: Warum muss die Gastfreundschaft besonders erwähnt und von den Gemeindemitgliedern, an die sich der Hebräerbrief wendet, eingefordert werden? Dazu erscheint wiederum ein Blick in die Heilige Schrift hilfreich. Nicht nur im Alten Testament ist Gastfreundschaft von elementarer Bedeutung für das Leben und das Selbstverständnis des Volkes Gottes. Auch im Neuen Testament wird an vielen Stellen Gastfreundschaft behandelt und theologisch begründet. In den Evangelien nimmt Jesus bei verschiedenen Gelegenheiten Gastfreundschaft in Anspruch. Er macht dabei bei der Wahl seiner Gastgeber keine Unterschiede bezüglich Geschlecht, sozialem Stand oder moralischer Autorität. Im Gegenteil: Durch seine Bereitschaft, in die Häuser von „Sündern und Zöllnern“ einzukehren, macht Jesus die Gastfreundschaft zu einer zentralen Tugend der Umkehr des Menschen.  

Gottes Gastfreundschaft gilt allen ohne Ausnahme 

Wenn Zachäus beim Mahl mit Jesus die Hälfte seines Vermögens den Armen schenken will und jedem von ihm Übervorteilten und ungerecht Behandelten vierfachen Ersatz zu leisten bereit ist (Lk 19,8), wird etwas von der Überfülle des Heils deutlich, die durch seine Bereitschaft, Gast der Sünder zu sein, vom Herrn gleichsam als Gastgeschenk dem Gastgeber zuteil wird. Überhaupt wird das Reich Gottes von Jesus immer wieder mit dem Bild des Gastmahls verknüpft. Zu diesem Gastmahl lädt der Gastgeber nicht nur privilegierte Gruppen ein. Seine Einladung richtet sich nicht allein an seine Freunde oder jene, die zum Establishment zählen. Auch hier überschreitet Jesus in seiner Beschreibung des Gottesreiches die religiös oder sozial bestehenden Grenzen: Ausnahmslos alle sind von der Gastfreundschaft Gottes angesprochen. Sie werden geradezu zur Annahme der Gastfreundschaft gedrängt (vgl. Lk 14,23; Mt 22,9 f.). 

Fremde werden zu Geschwistern in Christus 

Bei Paulus setzt sich diese Vorstellung einer universalen Gemeinschaft unter dem gastfreundlichen Dach Gottes fort: Weil Jesus Juden und Heiden vereinigt hat, gibt es von nun an keine „Fremden ohne Bürgerrecht“ (Eph 2,19) mehr, sondern alle Menschen werden zu „Mitbürgern der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (ebd.). Damit macht der Apostel deutlich: In der Kirche gibt es keine Fremden mehr und damit auch nicht mehr „Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Aus Fremdenliebe, wie man xenophilía auch übersetzen könnte, wird so Bruderliebe (philadelphía). In Jesus Christus sieht Paulus jede Schranke zwischen den Menschen überwunden. Unterschiede sind keine angstmachenden Hürden mehr, sie werden vielmehr von dem, der um der Menschen willen Mensch wird, entgrenzt und versöhnt. So werden die christlichen Gemeinden in der Sicht des Apostels Paulus zu Zentren der Geschwisterlichkeit, in der die Gastfreundschaft gleichsam Ausdruck eines neuen gottgewollten Gemeinschaftsgefühls ist, mehr noch: Gastfreundschaft ist in der paulinischen Vorstellung von Kirche nicht mehr Geschenk und Gnade, sondern wird Anrecht und Pflicht einer grundsätzlich offenen Gemeinde. 

Gastfreundschaft als elementarer Teil christlicher Grundhaltungen 

Einige Jahrzehnte nach Paulus sieht die Situation der christlichen Gemeinden anders aus. Die Begeisterung des Anfangs ist bereits ein wenig verblasst, und der Glaube muss sich im Alltag und in der Normalität des Lebens bewähren. Viele Exegeten sprechen dementsprechend davon, der Verfasser des Hebräerbriefes wende sich an die Christen der „zweiten Generation“. Erste Enttäuschungen, Streitereien und Konflikte in und zwischen den Gemeinden und staatliche Verfolgungen haben die ursprünglich offene Gemeinschaft Fremden gegenüber skeptisch und vorsichtig werden lassen; auch Vertretern anderer Gemeinden wird nicht mehr einhellige Gastfreundschaft gewährt. Zu sehr hat man Angst vor lehrmäßiger Spaltung oder Denunziation. In diese Gemengelage von Vorsicht, Angst und Neigung zur selbstgenügsamen Abgeschlossenheit hinein, ruft der Hebräerbrief die Gemeinden wieder dazu auf, die Gastfreundschaft zu pflegen. Es ist gleichsam eine Einladung, zurückzukehren zum „Zauber“ und dem missionarischen Eifer der apostolischen Zeit. Die Christengemeinden sollen sich nicht durch ihre abgeschlossene Exklusivität von ihrer Umgebung unterscheiden, sondern durch ihren Lebenswandel und ihr tägliches Verhalten. Nicht umsonst ist die Forderung, die Gastfreundschaft nicht zu vergessen, eingewoben in Mahnungen für die Gestaltung des gemeindlichen Alltags: geschwisterliche Liebe, die Sorge um Gefangene und Misshandelte, die Bemühung, die Ehe in Ehren zu halten, frei von Habgier zu sein und zufrieden zu leben – genau in diesem Kontext verortet der Verfasser des Hebräerbriefs die Einladung zur Gastfreundschaft. Aber er begründet sie auch noch. Denn offensichtlich entspringt sie nicht unmittelbar der Weisung Jesu – wie das bei den anderen Mahnungsworten in diesem Abschnitt des Briefes der Fall war. Die Gastfreundschaft soll aber bei der Beschreibung eines erneuerten christlichen Gemeindelebens nicht einfach aus der Weisheits- und Tugendlehre der damaligen Kultur begründet werden. Deswegen ist der Verweis auf die Engel, die manche, ohne es zu ahnen, beherbergt hätten, letztlich nichts anderes als eine heilsgeschichtliche Verortung der Gastfreundschaft. Mit anderen Worten: Indem der Verfasser des Hebräerbriefs auf Engel als mögliche Gäste hinweist, wird die Gastfreundschaft an dieser Stelle wieder eingefügt in den Reigen christlicher Grundhaltungen.  

In der Begegnung mit dem Fremden wird Gottesbegegnung erfahrbar 

Auch in schwierigen Zeiten sollen die Gemeinden Räume der Offenheit vorhalten und Orte einer evangeliumsgemäßen Willkommenskultur sein. Und zwar, weil in der gastfreundlichen Begegnung mit den Fremden Gottesbegegnung möglich ist. Nur dort, wo diese vorbehaltlos und herzlich aufgenommen werden, kann Gottes Gegenwart als im wahrsten Sinne des Wortes uns zukommendes Heil erfahren werden. Und genau darum geht es dem Hebräerbrief insgesamt: Er soll die in ihrem Glauben angefochtenen Adressaten trösten, ermahnen und dazu motivieren, sich ihres Glaubens zu vergewissern. Diese Ermutigung zu einem überzeugten Leben aus dem Glauben soll nicht nur durch moralische Appelle, sondern auch durch eine neue theologische Begründung motiviert und bestärkt werden. 

Offenheit für Gäste ist nach-pandemische Herausforderung für unsere Ordensgemeinschaft 

Genau darin ist der Vers aus dem Hebräerbrief auch heute noch relevant. Wir befinden uns in einer schwierigen Phase im Leben der Kirche und der Welt. Für viele von uns droht durch äußere, aber auch durch kircheninterne Gründe der „Zauber“ oder besser: der Enthusiasmus der frühen Jahre als Christen und Mitglieder unserer Ordensgemeinschaft verloren zu gehen. Unser Jahresmotto lädt uns ein, unser christliches Glaubensleben zu erneuern. Dazu gehört insbesondere auch die Gastfreundschaft. Gerade in diesen schweren Zeiten der Pandemie stellt sie für unsere Statthalterei, die Ordensprovinzen und auch die einzelnen Komtureien eine besondere Herausforderung dar. Investituren sind ausgefallen oder werden nur im kleinsten Rahmen gefeiert; für Provinzveranstaltungen gilt das Gleiche: Wallfahrten und Einkehrtage entfallen, Provinzräte tagen online. Besonders schwer haben es unsere Komtureien. Unsere Gemeinschaft lebt von der Gemeinschaft im Gebet, der Eucharistie und unseren ordensgeschwisterlichen Zusammenkünften. Gerade hier ist es immer schwieriger, den Kontakt zueinander zu halten und umeinander zu wissen. Das kostet jetzt sehr viel Zeit und Energie. Was früher im Rahmen eines Komtureiabends besprochen und geklärt wurde, bedarf heute eines eigenen Telefonates, einer E-Mail, einer Videokonferenz. Besonders schwierig ist in dieser Situation Gastfreundschaft. Denn nicht nur, dass gegenseitige Besuche erschwert sind und es Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren gibt. Wie soll man das Ordens- und das Komtureileben offenhalten für Fremde und für Gäste? Wie soll man Räume dafür schaffen, dass weitere engagierte Christinnen und Christen ihr Interesse am Heiligen Land und an der Spiritualität unseres Ordens entwickeln und entfalten können? Die Zeit „nach der Pandemie“ wird für uns alle eine kritische Zeit werden. Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, unsere „Normalität“ wieder herzustellen, das Leben unserer Ordensgemeinschaft zu konsolidieren. „Vergesst die Gastfreundschaft nicht!“ Es wird eine Gratwanderung werden, bei aller Freude darüber, unsere Schwestern und Brüder wiederzusehen und uns mit ihnen auszutauschen, offen zu bleiben für Fremde und Gäste. Sie herzlich willkommen zu heißen und ihnen freudig Einlass zu gewähren, ist auch für unsere eigene Gemeinschaft geistlich wichtig, „denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ 

Prof. Dr. Thomas Schwartz, Prior der Komturei St. Ulrich und Afra, Augsburg 

 

Cookie-Einstellungen

Wir verwenden auf www.oessh.net Cookies (z. B. Tracking- und Analytische Cookies), mit denen eine Analyse und Messung von Nutzerdaten möglich ist. Weitere Informationen finden Sie hier: