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Solidaritätsbesuch des Lateinischen Patriarchen Erzbischof Pizzaballa in Gaza vom 14. bis 17. Juni 2021

(c) Lateinisches Patriarchat Jerusalem

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(c) Lateinisches Patriarchat Jerusalem

Der CEO des Lateinischen Patriarchats, Sami El-Yousef, begleitete den Lateinischen Patriarchen nach Gaza. Er verfasste einen Bericht über diesen Besuch im kriegsgebeutelten Gazastreifen mit seinen gut zwei Millionen palästinensischen Einwohnern. Die Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission, Csr. Cornelia Kimberger, hat folgende Zusammenfassung davon erstellt:

Waffenstillstand nur eine Verschnaufpause?

Sami El-Yousef gehörte der Delegation an, die den Lateinischen Patriarchen S. E. Pierbattista Pizzaballa nach Gaza begleitete. Mit diesem Besuch wollte der Patriarch seine Solidarität mit den Menschen in Gaza bekunden, die im Mai einen verheerenden Krieg aushalten mussten, der elf Tage lang andauerte. Der Krieg konnte in den Medien „live“ verfolgt werden, und dennoch waren die Besucher erschüttert, wie viele Gebäude und wichtige Teile der Infrastruktur zerstört worden waren. Sie sahen alles mit eigenen Augen und hörten den persönlichen, traurigen Geschichten zu. Neben den körperlichen Schäden, waren die emotionalen Schäden der gesamten Bevölkerung von Gaza besorgniserregend, die sich hilflos und verlassen fühlt und traumatisiert ist. In allen Altersgruppen wurde betont, dass eine psychosoziale Betreuung von Nöten sei und genügend Zeit vergehen müsse, bevor, inmitten all der Zerstörungen, ein normales Leben wieder möglich sei. Daher war es für die Besucher keine leichte Aufgabe, die Menschen zu ermutigen. Die anhaltende Blockade von Gaza, die 2007 begann, und die anhaltenden Drohungen beider Seiten, lassen befürchten, dass der Waffenstillstand nur eine Verschnaufpause sein und die nächste Runde der Auseinandersetzung bereits vor der Türe stehen könnte. 

Christliche Schulen

Während des Besuchs wurden die drei katholischen Schulen besucht: die Schule des Lateinischen Patriarchats, die Schule auf dem Gelände der Gemeinde „Heilige Familie“ und die Schule der Rosenkranzschwestern. Treffen mit Lehrern, Mitarbeitern, Schülern und Eltern offenbarten die gleichen Frustrationen. Sie wiesen darauf hin, die Welt solle wissen, dass die Bewohner von Gaza Menschen seien, die es verdienten, als solche behandelt zu werden, und die sich danach sehnten, ein normales Leben abseits von Gewalt zu führen. "Erlauben Sie den Kindern, ihre Kindheit zu leben und nicht ihre Unschuld zu verlieren", sagte ein Elternteil. Der Patriarch betonte, wie wichtig die Rolle der christlichen Schulen sei, da dort ein kritisches Denken und eine gute Kommunikation gelernt und vermittelt würden.

Sehr einfach und schnell war es dann zu zerstören

Der Besuch in der Rosenkranzschwesternschule war sehr schmerzhaft, als man all die Schäden sah, die in wenigen Minuten am Bauwerk entstanden waren, an dem über viele Jahre hinweg gebaut worden war. „Der Bau hat lange gedauert, und es war auch sehr schwierig zu bauen. Sehr einfach und schnell war es dann zu zerstören", erklärte ein Lehrer. Dennoch überwog bei den Besuchen in den Schulen das Positive: Schüler und Lehrer hoben, trotz all des Elends, ihre Leistungen hervor. Die Lehrer erzählten über ihre “heldenhaften“ Bemühungen, während der Pandemie mit eingeschränktem Internet und unzuverlässiger elektrischer Versorgung weiterhin online zu unterrichten, da in Gaza am Tag durchschnittlich nur für fünf Stunden Strom zur Verfügung steht. Die Schüler führten den traditionellen Dabkeh-Tanz auf, und Pfadfindertruppen empfingen die Delegation mit traditioneller Musik. Ein wahres Zeichen dafür, dass die Menschen in Gaza trotz allem stark sind, das Leben schätzen und ihren harten Lebensbedingungen zum Trotz immer Wege finden, um zurechtzukommen und zu wachsen.

Gefängnisähnliche Bedingungen

Die Delegation besuchte das Zentrum der Schwestern des Ordens „Daughters of Charity“, die sich um Kinder mit besonderen Bedürfnissen sowie um ältere Menschen kümmern, und das Caritas-Medizinzentrum. Dort wird immerzu den Menschen geholfen. Diese beiden Hilfszentren waren vor einiger Zeit bereits vergrößert worden, damit den am stärksten benachteiligten Menschen innerhalb der Gaza-Gemeinschaft geholfen werden kann, und dies auf Grundlage christlicher Werte. Einer der Höhepunkte war auch ein Treffen mit Mitgliedern der Pfarrei „Holy Family“ in Gaza, die nicht nur über die Kriegszerstörung, sondern vor allem über die anhaltende Blockade und die gefängnisähnlichen Bedingungen erzählten, in denen sie leben müssen. Sie monierten, dass Genehmigungen, um die unmittelbare Familie im Westjordanland zu besuchen, nicht ausgestellt würden. Dadurch brächen Familien auseinander. Sie klagten darüber, dass sie keine rechtzeitigen Genehmigungen für medizinische Behandlung außerhalb Gazas erhielten. Es sei nicht erlaubt, Beerdigungen oder Hochzeiten der unmittelbaren Familie in Bethlehem oder Zababdeh zu besuchen. Sie brachten ihre Frustration darüber zum Ausdruck, dass es keine dauerhafte Lösung für ihre Probleme gebe, und dass sie von einem Krieg zum nächsten leben müssten, wobei jeder noch mehr Zerstörung hervorbringe.

Eine menschenwürdige Beschäftigung und Ausbildung

Die Delegation traf junge Menschen, die im „job creation program“ beschäftigt sind - einem Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen. 65 Familien in Gaza profitieren davon, indem ihnen eine menschenwürdige Beschäftigung und Ausbildung sowie ein würdevolles Einkommen garantiert sind. Von allen Hilfsprogrammen in Gaza ist dies wahrscheinlich dasjenige, das einen bedeutenden und direkten Einfluss auf die Unterstützung der christlichen Gemeinschaft im Gazastreifen hat. Auch hier hörten die Teilnehmer der Delegation die persönlichen Geschichten. Viele der jungen Menschen haben während des Krieges Schäden an ihren Häusern erlitten und sind durch die Erfahrung traumatisiert. Ihre Hauptsorge ist natürlich, was mit ihnen geschehen wird, wenn ihre zweijährige Beschäftigung endet, wenn die Situation in Gaza mit 70 % Arbeitslosigkeit bei Frauen und jungen Menschen so bleibt, wie sie heute ist. Es gab keine klaren Antworten außer dem Versprechen, weiterhin Wege zu finden, sie zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wird auch das Thomas Aquinas Training Center erweitert, damit diese Jugendlichen von erweiterten Trainingsprogrammen profitieren können.

Sprengstoffgeruch und Detonation am Morgen

In den frühen Stunden des dritten Tages in Gaza erlebten die Besucher des Lateinischen Patriarchats den Beschuss eines Gebäudes, das in der Nähe des Übernachtungsortes lag. „Dies gab uns einen kleinen Eindruck davon, was das Volk im Gazastreifen während vier Kriegen erlebt hat“, so Sami El-Yousef. Das Gebäude wurde erschüttert, und die Luft war über eine Stunde lang mit Sprengstoffgeruch erfüllt. „Was für eine Art, täglich hier zu leben, ohne zu wissen, wann oder wo ein großer Beschuss stattfinden wird, oder welchen Schaden er anrichten wird“. Die Christen in Gaza erzählen, dass sie ihren speziellen Koffer bereitstehen haben, der ihre Pässe, Geburts- und andere Bescheinigungen, alle wertvollen Gegenstände und ein paar Kleidungsstücke enthält, falls sie kurzfristig weggehen müssen. Was für eine Art zu leben! Am selben Tag bestand Seine Seligkeit darauf, die wichtigsten Zerstörungsstätten sowie Familien zu besuchen, die Schäden an ihren Häusern erlitten hatten. Die Besucher waren erschüttert, die umfangreiche Zerstörung von Hochhäusern, öffentlichen Gebäuden, Straßen und Infrastruktur zu sehen. Es schien, als sei nichts verschont geblieben. Ins Auge fielen die Abrissbirnen und ägyptischen Arbeiter, die beim Abriss der vielen instabilen Gebäude halfen. So geht das Elend weiter, da viele Eigentümer zunächst die Kosten für den Abriss tragen müssen, bevor sie überhaupt an einen Wiederaufbau denken können. Positiv zu vermerken ist, dass sich das Lateinische Patriarchat von Jerusalem verpflichtet hat, Schäden an 32 Häusern zu beheben, deren Eigentümer keine finanziellen Mittel haben. Damit soll diesen Menschen eine sichere Rückkehr in ein normales Leben ermöglicht werden.

Kommunion, Konfirmation und eine Babytaufe in Gaza

Ein Höhepunkt für die Christen in Gaza war die geistliche und pastorale Dimension des Besuchs. Der Patriarch ging zu älteren und kranken Menschen in ihre Häuser; er kam auch in das „Daughters of Charity Home“ zu den bedürftigen Kindern. Der Marienbrunnen im Thomas-Aquin-Zentrum ist ein Segen und betont die Bedeutung dieses besonderen Ortes. Dort werden die Jugendlichen nicht nur für ihr persönliches und berufliches Leben geschult, sondern es stehen auch theologische Studien auf dem Stundenplan. Der Höhepunkt war sicherlich die Heilige Messe dort am letzten Tag - mit der Konfirmation von drei Kindern, der Erstkommunion von 18 Kindern und der Taufe eines Kindes. Diese Hl. Messe war eine sehr freudige Glaubensfeier und ein Zeichen einer Gemeinschaft, die lebendig und ihrem Glauben nahe ist. In seinen Predigten während der Tage seines Aufenthaltes stellte Patriarch Pizzaballa die Lehren in den Mittelpunkt: "Liebe deinen Feind" und "Vergebung". Er legte dar, dass es eine große Herausforderung sei, besonders in Gaza und unmittelbar nach einem Krieg, diese Lehren mit Leben zu erfüllen. Wenn jemand behaupte, ein wahrer Christ zu sein, müsse er diese Lehren auch praktizieren, da dies der einzige Weg sei, einen inneren Frieden zu finden und trotz aller Schwierigkeiten ein christliches Leben zu führen. 

Zerstörung physischer und emotionaler Art

„Der schwierigste Teil des Besuchs war der Abschied“, so der CEO und zurück in das eigene, normale Leben zu gehen, wohl wissend, dass trotz aller Ermutigung, Gebete und unterstützender Worte, die der Patriarch und die Teilnehmer der Delegation (darunter auch Bischof Marcuzzo, zuständig für Jerusalem und Palästina) an die Menschen gerichtet haben, viel Zerstörung zurückbleibt, sei es physischer oder emotionaler Art. Die Delegation hat sich verpflichtet, sich weiterhin um die christlichen Geschwister in Gaza zu kümmern, sich für ein würdevolles und gerechtes Leben der Menschen in Gaza einzusetzen und mit ihnen solidarisch zu sein.

Die Gemeinden des Lateinischen Patriarchats unterstützen Gaza 

Der Dank im Schreiben des CEO gilt den Unterstützern aus der ganzen Welt, die vom ersten Tag an ihre Bereitschaft zur Unterstützung bekundet haben, ohne dass das Lateinische Patriarchat darum gebeten hatte. In besonderer Weise gilt die Anerkennung allen lokalen Pfarreien in Palästina, Jordanien, Israel und Zypern, die durch den Aufruf des Patriarchen unter dem Motto "Hilfe beginnt zu Hause", großzügig zur Unterstützung Gazas beigetragen haben. Der Dank ergeht unter anderem aber auch an den Ritterorden des Heiligen Grabes von Jerusalem. 
Die Christen in Gaza bedürfen weiterhin der Hilfe, vor allem im Gebet, aber auch in finanzieller Art. „Bitte treten Sie dafür ein, wann und wo immer Sie können, dass die Kernfragen gelöst werden und Gaza weitere Runden der Zerstörung und Gewalt erspart bleiben!“, wünscht sich der Geschäftsführer des Lateinischen Patriarchats, Sami El-Yousef.
 

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