Aktuelles

Situation im Heiligen Land – Zur Lage im Zusammenhang mit dem Corona-Virus

“Oh, Bethlehem! Du wirst zu einer Geisterstadt“, lautet eine der vielen Schlagzeilen in Zeiten des Corona-Virus. Bethlehem und auch Palästina sind seit Anfang März abgeriegelt. Die Geburtskirche ist verschlossen. Die christliche Bevölkerung, die auf ausländische Pilger –vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen - angewiesen ist, und das Lateinische Patriarchat stehen vor großen Herausforderungen.

Wie bei uns in Deutschland versuchen die Verantwortlichen der Regierungen im Heiligen Land – Israel, Palästina, Jordanien -, die Ansteckung mit dem Corona-Virus einzudämmen und hinauszuzögern, damit das Gesundheitssystem nicht zusammenbricht. Israel hat den Ausnahmezustand erklärt und eine Ausgangssperre für sieben Tage verhängt. In Jordanien galten der Ausnahmezustand und die Ausgangssperre zunächst bis zum 18. März. Reisen andere Landesteile müssen unterbleiben. Das Militär überwacht dort die Beschränkungen. Im Heiligen Land kann in Supermärkten und Apotheken das Allernötigste besorgt werden. Auch Arztbesuche sind erlaubt. In Bethlehem und den palästinensischen Gebieten ist es ähnlich. Es gilt die Vorgabe, dass nicht mehr als 10 Personen auf einmal zusammenkommen dürfen und das mit einem Sicherheitsabstand von zwei Metern.

Die Schulen im Heiligen Land sind alle geschlossen. Palästina hat damit begonnen, kurz darauf schlossen auch Israel und Jordanien ihre Bildungseinrichtungen. Die Kinder und Schüler aller 45 Patriarchatsschulen und 34 Kindergärten bleiben nun zu Hause. Bei einigen Schulen funktioniert zum Glück ein Online-Unterricht.

Schwer trifft es (wie bei uns) die Christen, dass nun keine Gottesdienste mehr besucht werden dürfen. Die Kirchen sind geschlossen. Die Gottesdienste werden über die sozialen Medien, wie Internet und Facebook übertragen. Alle kirchlichen Aktivitäten sind eingestellt. Die Priester besuchen ihre Gemeindemitglieder zu Hause und haben telefonischen Kontakt oder bleiben über soziale Netzwerke verbunden. So sind sie jederzeit erreichbar und erfahren von den Sorgen und Nöten der Christen und können gegebenenfalls helfen. „Für meine Gemeindemitglieder ist es wichtig, mit mir im Kontakt zu stehen. Das Wissen, dass ich für sie da bin“, erzählt Abouna Firas aus Aboud am Telefon. Beerdigungen finden nun nur noch mit zehn Trauergästen statt, und von Beileidsbekundungen wird selbstverständlich Abstand genommen. Hochzeitszeremonien sind auf vier Gäste beschränkt. Unklar ist noch immer, wie die Feierlichkeiten in der Karwoche und an Ostern in der Grabeskirche aussehen werden. „Sicherlich werden die Feierlichkeiten reduziert werden, aber wir können nicht alles komplett absagen“, sagte Erzbischof Pizzaballa am Mittwoch dieser Woche (vatican news) Es wird nun abgewartet, wie sich die Corona Pandemie entwickelt und dann wird entschieden, wie in nächster Zeit in der Grabeskirche Gebete und Prozessionen der einzelnen christlichen Denominationen stattfinden können, wie dort Ostern gefeiert werden kann.

Auch im Heiligen Land gibt es bei Lebensmitteln Hamsterkäufe, obwohl alles noch verfügbar ist und die Preise stabil geblieben sind. Medikamente werden ebenso gehortet, und es gibt keine Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Schutzhandschuhe. Die Ärzte arbeiten rund um die Uhr. Allerdings sind bereits 800 Personen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, unter Quarantäne. Ob die medizinische Versorgung im Heiligen Land auf Dauer unter diesen Umständen gewährleistet werden kann, ist sich der CEO des Lateinischen Patriarchats, Sami El-Yousef, zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher. Er berichtet, dass die Krankenhäuser nicht ausreichend ausgestattet sind. Auch an Personal fehlt es. Israel zum Beispiel beginnt nun Feldlazarette zu errichten. Der Kanzler des LPJ, Abouna Ibrahim, bezweifelt, dass der Standard in den palästinensischen Krankenhäusern gut sei. Die Ärzte bemühten sich, aber was Hygiene und Kapazitäten anbelangt, das stellt er in Frage. Noch seien in den Krankenhäusern Plätze frei.

Im Gebiet um Bethlehem sind bereits zehn Christen und ein Christ in der Altstadt am Corona-Virus erkrankt. Daher sind die Priesterseminaristen, die in Bet Jala unterrichtet werden, vor einigen Tagen bereits nach Jerusalem umgezogen. Sie wohnen nun im Knights Palace, erzählt der Kanzler des LPJ. Dort sind sie erst einmal unter Quarantäne gestellt.

Die humanitäre Situation der Christen spitz sich dramatisch zu. Ihre Anfragen nach Unterstützung, vor allem aus Bethlehem, sind rapide angestiegen. Dort leben sie generell von den Touristen, die jetzt ausbleiben. Alle Hotels in Palästina sind geschlossen. Die Christen sind nun arbeitslos. Auch 400 Hotels in Israel sind geschlossen. Die Sozialarbeiter des Lateinischen Patriarchats erhalten zahlreiche verzweifelte Anfragen nach Unterstützung. Alle katholischen Einrichtungen haben nun begonnen, einen Nothilfeplan zu schaffen. Zum Beispiel sind im Raum Bethlehem nun vor allem Medikamente für alte Menschen von Nöten. Es fehlt an Windeln und Pflegeartikeln für die Babys. Strom muss bezahlt werden, sonst wird er abgestellt. Das sind nur ein einige der Dinge, die die Christen benötigen. Sie haben bald kein Bargeld mehr. “So müssen wir ihnen Gutscheine zum Einkaufen geben für Nahrung und Hygieneartikel“, stellt der CEO des LPJ fest. „Für die Zukunft müssen wir dringend überlegen, wie wir die Menschen wieder in Lohn und Brot bringen!“ Er befürchtet, dass die Arbeitslosigkeit bald ähnlich wie in Gaza sein wird. Und er klingt schon fast verzweifelt: die humanitäre Lage wird bald sehr, sehr schwierig werden. „Wir werden sehr viel Hilfe und Unterstützung benötigen“. Die Christen sind verzweifelt und fühlen sich hoffnungslos. Sie wenden sich an die Priester und bitten in ihrer Not um Hilfe. Ein Lichtblick in dieser verzweifelten Lage ist die Hilfe der Christen untereinander in den Gemeinden. Nahrungs- und Kleiderspenden werden gegeben und auch die Altenheime werden mit Essen unterstützt. Die Angestellten des LPJ wurden am 20.3. alle nach Hause geschickt. Sami El Yousef betont, dass sie alle ihre Gehälter zunächst einmal weiterbezahlt bekommen. „Die Ausgangssperre wird (zu Recht) streng überwacht, und wir sorgen uns um die Gesundheit unserer Angestellten!“

Stand 20. März 2020 sind in Israel 700, in Bethlehem 50 (die meisten davon Christen) und in Jordanien 90 Menschen am Corona-Virus erkrankt.

Cornelia Kimberger
Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission

Cookie-Einstellungen

Wir verwenden auf www.oessh.net Cookies (z. B. Tracking- und Analytische Cookies), mit denen eine Analyse und Messung von Nutzerdaten möglich ist. Weitere Informationen finden Sie hier: