Aktuelles aus unserem Orden

Reflexionen und Neuigkeiten aus dem Heiligen Land von Sami El-Yousef, CEO des Lateinischen Patriarchats 

Ein Wunder ist nötig

In den letzten Tagen haben wir viele Nachrichten von unseren Freunden auf der ganzen Welt erhalten, die ihre große Besorgnis über die jüngsten traurigen Entwicklungen in unserer Region zum Ausdruck brachten.

Dies hat mich ermutigt, neueste Meldungen und Überlegungen zu den drei Hauptkonfliktbereichen zusammenzufassen (Jerusalem, Gaza sowie Städte und Gemeinden, die von jüdischen und arabischen Israelis bewohnt sind).

Die jüngsten Entwicklungen sind sehr ernst und werden, wenn sie nicht sofort eingedämmt werden, eine bereits “kochende” Region in den Abgrund treiben. Im Folgenden meine Überlegungen:

Jerusalem

Die Stadt des Friedens, die einen besonderen Platz in den Herzen und Gebeten von Milliarden von Menschen der drei monotheistischen Religionen hat, ist heute eine zerbrochene und sehr geteilte Stadt. Was als juristischer Kampf gegen die Räumung einiger Häuser im Scheich-Jarrah-Viertel in Ost-Jerusalem begann, öffnete jahrzehntealte Wunden unterschiedlicher Rechtspraxis, die in Israel existierte. Diese räumte Juden das Recht ein, Immobilien zu beanspruchen, die sie vor 1948 in Ost-Jerusalem besaßen, während sie Palästinensern, die Eigentum in West-Jerusalem verloren hatten, dasselbe Recht verweigerten.

Was folgte, war der Beginn des Ramadans, des heiligsten Monats im muslimischen Glauben, und das klare Fehlverhalten der Polizei in diesem Monat beim Zugang zur Al-Aqsa-Moschee sowie zum Damaskus Gate Plaza, einem beliebten Ort für gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen in den Abendstunden nach dem Iftar – dem allabendlichen Fastenbrechen. Die Spannungen eskalierten, und Konfrontationen zwischen Gläubigen und der Polizei ereigneten sich nun fast jede Nacht in den engen Gassen des muslimischen Viertels, auf dem Al-Aqsa-Gelände sowie in Scheich Jarrah.

Die Spannungen verschärften sich weiter am 27. Tag des Ramadans, während Laylat Al Qadr, der Nacht, in der Gott dem Propheten Mohammad durch den Engel Gabriel zuerst den Koran offenbarte. Wieder hat die Polizei die Gläubigen, die in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem beten -normalerweise eine halbe Million Menschen -, nicht rechtens behandelt. So wurden Straßensperren auf der Haupt-Autobahn Tel Aviv / Jerusalem errichtet, um die Gläubigen daran zu hindern, Jerusalem zu erreichen. Der Zugang zur Moschee wurde auf weniger als hunderttausend Gläubige beschränkt. Muslimische Gläubige konnten nicht verstehen, warum solche Beschränkungen auferlegt wurden, und wiesen darauf hin, dass noch vor wenigen Wochen während des jüdischen Pessachfestes den jüdischen Gläubigen keinerlei Beschränkungen beim Zugang zur Klagemauer in der Altstadt auferlegt worden waren.

Der Höhepunkt fand am "Jerusalem-Tag" statt, der von der jüdischen Gemeinde Jerusalems als Tag der Wiedervereinigung der Stadt Jerusalems 1967 gefeiert wird. Für wenige ist dies ein Tag des Feierns, während er für die Palästinenser ein sehr trauriger Tag ist, da jährlich ein sehr provokanter Marsch fanatischer Jugendlicher durch das muslimische Viertel mit rassistischen Gesängen in einer Parade stattfindet. Während des Marsches, der von der Polizei in letzter Minute vorbei an den üblichen Hotspots geleitet wurde, setzte die Hamas ihre Drohung in die Tat um, dass Raketen auf Jerusalem abgefeuert würden, wenn die Polizei weiterhin die Al-Aqsa-Moschee „schände“.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren ertönten Sirenen, und ein panisches Jerusalem reagierte mit Angst und Traurigkeit. Eine Traurigkeit, die noch immer die meist menschenleeren Straßen ausfüllt. Die Spannungen in Jerusalem gehen weiter, da beide Seiten auf ihren Positionen verharren und die Hauptfragen ungelöst bleiben.

Gaza

An der Südfront war es ziemlich ruhig, obwohl die Gaza-Blockade seit über 14 Jahren andauert und sich der Alltag dort nicht verbessert hat. Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 50 %; der Strom ist knapp und die Stromversorgung funktioniert nicht mehr als 8 Stunden pro Tag. Es gibt keine Wasser- oder Abwasser-Infrastruktur und keine wirtschaftliche Entwicklung. Der dichtestbesiedelte Ort der Erde (zwei Millionen Menschen leben in einem geographischen Gebiet von 364 Quadratkilometern) funktionierte gerade mal so für die Menschen, die Wege fanden, mit der humanitären Katastrophe fertig zu werden und ein unwürdiges Leben zu führen.

Als die Hamas jedoch beschloss, während des Marsches von Jerusalem "für Jerusalem einzutreten" und die Raketen in Richtung Jerusalem abzufeuern, öffnete sich die Tür für eine ernste Eskalation, die vor vier Tagen begann und noch immer andauert. Seit Montag hat Israel Tausende von Luftangriffen auf den Gazastreifen gestartet, mit ständigen Bombardierungen verschiedener Ziele, darunter militärische Standorte, Regierungsgebäude, Wohngebäude, Fabriken, Unternehmen und Banken. Es gibt weitverbreitete Zerstörungen, ohne dass ein Ende in Sicht ist.

Im Gegenzug hat die Hamas sogar die Israelis überrascht, indem sie mehr als tausend Raketen an verschiedene Orte tief hinein nach Israel abschoss, darunter nach Tel Aviv, Lod, Petah Tikva, Rishon LeZion. Es wurde berichtet, dass Millionen von Israelis für unbestimmte Zeit in Luftschutzräume geschickt werden, und dass trotz einfacher, lokal produzierter Raketen eine Reihe direkter Treffer auf Wohngebäude gelang, die einige Todesfälle verursachten. Es gibt einen klaren Wettbewerb zwischen beiden Seiten, wer mehr Schaden anrichten und mehr “Punkte erzielen” kann, unabhängig vom Leid der einfachen Bürger.

Obwohl dies ein aktives Kriegsgebiet ist und es sehr schwierig ist, Schäden zu bewerten, da die Feindseligkeiten weiter andauern und sich weiter ausbreiten, ist bisher klar, dass das Kloster der Rosenkranz-Schwestern und der Kindergarten Schäden erlitten haben, da es wiederholt Bombenangriffe auf der Straße außerhalb ihres Grundstücks gab. Die Schwestern haben drei Tage lang nicht geschlafen und sich geweigert, ihre gefährdeten Räumlichkeiten zu verlassen, um die Schule zu schützen. Sie sind müde, traumatisiert und entschlossen, dass sie jedes Schicksal akzeptieren werden, das sie erwartet.

Darüber hinaus wurden mehrere Wohnungen der christlichen Gemeinde beschädigt. Der Pfarrer von Gaza, P. Gabriel Romanelli, unterstützt von P. Yousef Saad, bemüht sich heldenhaft, in ständigem Kontakt mit all seinen Gemeindemitgliedern zu sein. Er versucht, Schäden zu bewerten, ältere und kranke Menschen zu besuchen, Messen abzuhalten und sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um seine pastoralen Pflichten zu erfüllen und die Menschen zu trösten. Das sind die Helden von Gaza, die wir unterstützen, und denen wir jede mögliche Hilfe anbieten müssen, sobald sich die Lage stabilisiert.

Israel (Gemischte Städte und Gemeinden)

Trotz aller katastrophalen Geschehnisse in Jerusalem und Gaza waren die gewalttätigen Proteste in vielen Städten Israels, darunter Haifa, Lod, Ramleh, Jaffa, Acre und viele andere, wo es seit der Gründung Israels eine vorsichtige Koexistenz verschiedener Gruppen gab, vielleicht die bisher schlimmste Entwicklung. In der Vergangenheit gab es Spannungen, aber die Ereignisse in Jerusalem und Gaza scheinen sehr spaltende Auswirkungen auf diese Gemeinschaften zu haben. Es gab rassistische Spannungen in einem Ausmaß, das es bisher zwischen Arabern und Juden nicht gegeben hat.

Mittlerweile werden Lynchmorde zu einem täglichen Ereignis. Das sehr zerbrechliche Gefüge, das so lange existierte, wird zerschlagen, und die Darstellung von Hass und rassistischen Parolen wird zur Norm. Nachbarn greifen Nachbarn an und Häuser werden zerstört. Bedauerlicherweise handelt die Polizei erneut mit zweierlei Maß: mit einer schweren Hand, die auf Araber gerichtet ist, und einem relativ zugedrückten Auge gegenüber jüdischen Extremisten.

Verschiedene Bataillone der Grenzpolizei wurden vom Westjordanland in diese Städte verlegt, und es werden Armee-Reserven gerufen, mit der Möglichkeit, diese zu den Hotspots zu beordern, um die Ordnung wiederherzustellen. Israel hat sich dramatisch verändert, und diese Spannungen werden sich langfristig negativ auf die Gesellschaft insgesamt auswirken. Selbst Israels Präsident räumte ein, dass dies die größte Bedrohung für Israel seit seiner Gründung sei.

Man kann nur hoffen und beten, dass bald wieder etwas Ruhe einkehrt, um das Leid, den unnötigen Verlust von Leben und die Zerstörung des Eigentums zu stoppen. Wichtig ist, dass Ruhe einkehrt, um die Seelen zu heilen, und wichtig ist es, sich auf den Weg zu machen, damit alle Gotteskinder gleich und würdevoll behandelt werden. Diesmal ist es dringend notwendig, die tieferen Ursachen dieses nicht enden wollenden Konflikts anzugehen, damit Gerechtigkeit und Frieden herrschen.

Wären die Milliarden, die bereits für Krieg und Zerstörung verschwendet wurden, in Entwicklung, Bildung, Gesundheit, die Schaffung von Arbeitsplätzen und Infrastruktur investiert worden, wären Gaza und das Heilige Land jetzt ein viel besserer Ort. Lasst uns darum beten, dass die Vernunft zurückkehrt und die gegenwärtigen Feindseligkeiten sofort enden. Ansonsten stehen wir leider vor dunklen Zeiten. Behaltet uns in euren Gebeten, denn nur ein Wunder kann das Heilige Land vor der nächsten Katastrophe retten, die sich abzeichnet!

Übersetzung Csr. Cornelia Kimberger, Heilig-Land-Beauftragte der Deutschen Statthalterei

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