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Reflektionen und Ostergrüße aus dem Heiligen Land von Sami El-Yousef

Sami El-Yousef, CEO des Lateinischen Patriacharts in Jerusalem

vom Geschäftsführer des Lateinischen Patriarchats - zusammengefasst von Csr. Cornelia Kimberger, Heilig-Land-Beauftragte

Seit Generationen eng verbunden mit der Stadt Jerusalem und dem christlichen Glauben

Am Palmsonntag verstarb Abu Saba, der 99-jährige Vater von Sami El-Yousef. Während der Vorbereitung der Beisetzungsfeierlichkeiten in der Karwoche, wurde dem CEO des Lateinischen Patriarchats einmal mehr bewusst, dass für seine Familie die christliche Religion zentraler Lebensmittelpunkt ist. Schon seit Jahrhunderten lebt seine Familie in der Jerusalemer Altstadt. Von Generation zu Generation werden die Traditionen der religiösen Feiertage, besonders auch die der Kar- und Osterfeierlichkeiten, weitergegeben - auch in der heutigen Zeit, in der viele Christen das Land verlassen. Samis Großvater lebte unter osmanischer Herrschaft in der Altstadt Jerusalems. Als Samis Vater, Abu Saba, geboren wurde, hatten die Briten das Mandat über Palästina. Als Sami selbst geboren wurde, waren die Jordanier die Machthaber in der Altstadt. Samis Kinder kamen zur Welt, als Israel bereits die Besatzungsmacht Palästinas war. Sami ist sich sicher, dass auch künftige Generationen die reichen Traditionen in Jerusalem, der Stadt des Friedens, weitergeben werden. Ihn tröstet die Gewissheit, dass sein Vater während der Karwoche verstorben ist: „Du hast Glück, dass Du dem Herrn während der Karwoche begegnet bist... Ruhe in Frieden, lieber Abu Saba!“

Bilanz nach einem Jahr Covid-Pandemie

 Sami El-Yousef fällt es schwer zu glauben, dass bereits ein ganzes Jahr vergangen ist seit dem offiziellen Beginn der Pandemie im März 2020.  Schließungen, Sperrungen und Reisebeschränkungen folgten. Die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte. Unzählige Menschen erkrankten und starben. Anfangs dachte man noch, das Ganze dauere nur ein paar Monate, und nun könnte es auch noch ein paar Jahre andauern, bis etwas Normalität zurückkehrt. Das Leben nach Covid-19 wird nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. Es wird eine große Bestandsaufnahme darüber geben - in allem, was wir tun, in allem, was stattfinden wird, von der Arbeit über die Bildung bis hin zum Sozialverhalten. Sami überlegt, ob die Menschheit etwas aus der Pandemie gelernt hat, oder ob dies eine weitere vertane Gelegenheit sein wird, aus dieser Welt eine bessere zu machen: „Ich nehme an, nur die Zeit wird es zeigen.“

Sehr unterschiedliche Impf-Situationen in den Ländern

Während der Kartage gab es eine Mischung aus guten und schlechten Nachrichten, je nach dem Standort im Heiligen Land. Israel schafft durch seine massive Impfkampagne die baldige Rückkehr zu einem normaleren Leben. Im Gegensatz dazu verfügen Palästina und Jordanien nicht über die finanziellen Mittel, um es Israel gleichzutun. Die Impfungen dort gehen sehr langsam vonstatten, und es wird einige Monate dauern, bis man zu vergleichbaren Zahlen wie in Israel kommen wird. Die Gesundheitssysteme beider Länder sind voll ausgelastet. Viele sehr kranke Patienten werden aus Krankenhäusern zurück nach Hause gebracht, was zu hohen Sterberaten führt. Und nicht nur der Gesundheitssektor ist in beiden Ländern schlechter, sondern auch die wirtschaftlichen Indikatoren. Während die Arbeitslosigkeit in Israel von dem Allzeithoch von 27 % auf etwa 15 % zurückgeht, haben Palästina und Jordanien, die ohnehin unter schwachen Volkswirtschaften leiden, sehr hohe Arbeitslosenzahlen: 40 %, wenn nicht mehr. Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass Israel, im Gegensatz zu Jordanien und Palästina, großzügige Arbeitslosen-, Sozial- und Gesundheitsleistungen gewähren kann. Sowohl Jordanien als auch Palästina zahlen dagegen wenig oder gar keine staatlichen Unterstützungen. Dies führt dazu, dass die Nachfrage nach humanitärer Hilfe stetig steigt und sich im Laufe des „Corona-Jahres“ vervierfacht hat.

Spenden werden mehr denn je gebraucht

Einer der Lichtstrahlen des vergangenen Jahres ist für Sami der deutliche Anstieg der Spenden von unseren Freunden auf der ganzen Welt. Die großzügigen Zuwendungen ermöglichten es dem Lateinischen Patriarchat, mehr als 20.000 Menschen mit humanitärer Unterstützung zu erreichen. Die Not von vielen wurde vorübergehend gelindert. Auf der anderen Seite war die schmerzliche Erfahrung, dass die Nachfrage nach Hilfen viel größer ist als die Verfügbarkeit von Mitteln. Ebenso schmerzt die Erkenntnis, dass diese Situation sicherlich noch länger andauern wird. Daher werden nachhaltigere Lösungen in Erwägung gezogen, „obwohl ich zugeben muss, dass es keine schnellen oder einfachen Lösungen gibt“, so der Geschäftsführer. „Es ist klar, dass sich einige Menschen besser angepasst haben als andere, aber die Herausforderungen sind riesig, vor allem angesichts des globalen Charakters der Pandemie und der Tatsache, dass das Leid überall ist.“

Palmsonntags-Tradition in kleinem Rahmen aufrechterhalten

An der traditionellen Palmsonntags-Prozession von Bethphage hinunter in die Altstadt, konnte nur eine kleinere Anzahl Gläubiger teilnehmen. Palästinenser aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen konnten sich angesichts der Pandemie-Beschränkungen überhaupt nicht beteiligen. Es gab auch keine internationalen Pilger im Land; und so war die Feier relativ ruhig, aber sehr wichtig, besonders auch deswegen, weil es im letzten Jahr gar keine Palmsonntagsprozession gegeben hat. Trotz der geringen Teilnehmerzahl und trotz des Wegfalls der traditionellen Pfadfinder-Prozession, war es großartig zu sehen, wie jahrhundertealte Traditionen beibehalten wurden. Hoffentlich wird die Situation im nächsten Jahr wieder anders sein und die Gläubigen können Jerusalem ohne Einschränkungen erreichen. Dann werden die Straßen Jerusalems mit dem traditionell schönen Mosaik von Sprachen, Kulturen und Farben aufgehellt werden.

Ostern markiert einen Neubeginn

Als die Karwoche voranschritt, erinnerten die verschiedenen Traditionen und religiösen Feiern wieder an die zentrale Bedeutung dieser Woche für den christlichen Glauben: Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Vom Palmsonntag hin zum Gründonnerstag mit dem letzten Abendmahl, von Karfreitag, als Jesus gekreuzigt wurde, bis zum Ostersonntag mit der Hoffnung auf neue Tage, Neuanfänge und neues Leben. „Für diejenigen von uns, die in Jerusalem so nah an den heiligen Stätten leben, an denen all dies geschah, ist es in der Tat an der Zeit, wieder gestärkt zu werden - besonders nach einem ganzen Jahr der Pandemie und der Hoffnung, dass Ostern der Wendepunkt für den Neuanfang ist.

Frohe Ostern aus Jerusalem, in der Hoffnung, dass wir im nächsten Jahr alle unsere Freunde aus der ganzen Welt wieder sehen werden, wie sie die leeren und traurigen Straßen Jerusalems füllen und die christliche Symbolik teilen werden. Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaft auferstanden!

Sami El-Yousef

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