Aktuelles aus unserem Orden

Predigt von Cfr. Pfarrer Andreas Klee zum geistlichen Leitwort 2022

In seiner Predigt befasst sich Confrater Pfarrer Andreas Klee, Prior der Komturei Pater Maximilian Kolbe Frankfurt, intensiv mit unserem Leitwort 2022 und erklärt eindrucksvoll die tiefe Bedeutung, dass wir das Glück und den Sinn für unser Leben nicht selbst erfinden müssen.

„Bei Tag und bei Nacht über Gottes Weisung nachsinnen“ (Psalm 1)

Das diesjährige geistliche Leitwort unserer Ordensgemeinschaft ist dem Buch der Psalmen entnommen. Es ist der 1. der 150 Psalmen, die zum großen geistlichen Schatz der Heiligen Schrift gehören. Zusammen mit dem 2. Psalm heben sie sich von den nachfolgenden Psalmen dadurch ab, dass sie keine Überschriften tragen. Der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin konnte deswegen sagen: „Dieser Psalm unterscheidet sich von dem ganzen restlichen Werk: denn es hat keinen Titel, sondern ist sozusagen der Titel des ganzen Werks.“

„Wohl dem, liest „man“ in der Lutherbibel, „Selig der Mann“ in der katholischen Einheitsübersetzung. Darf „Frau“ diesen Psalm nicht auf sich beziehen? Das hebräische isch kann Mann oder Ehemann bedeuten, aber auch Mensch, Person oder einfach jemand, einer oder eine: Glücklich sind „die Frau, der Mann“, die sich mit gutem Recht von der Weisung Gottes angesprochen fühlen, die nicht einfach etwas dünn mit der Einheitsübersetzung zu sprechen Gefallen finden an der Weisung des Herrn, sondern wie Luther es übersetzt, die Lust haben an der Weisung des Herrn.

Tiefere Bedeutung des Psalm 1

Der Psalm schildert einen Menschen in seiner Beziehung zur Weisung des Herrn. Er sinnt beständig – bei Tag und bei Nacht – über die Weisung des Herrn nach. Das gezeichnete Bild trägt keine individuellen Züge. Die Stellung des Psalms am Anfang des Buchs der Psalmen legt nahe, an einen idealen Menschen zu denken, der über die Psalmen nachsinnt. Während wir damit ein vor allem intellektuelles Tun verbinden, gehörte es lange Zeit auch in der christlichen Tradition dazu, den Text halblaut zu murmeln, als würde man ihn immer wieder kauen, um ihn sich nach und nach einzuverleiben.

Wie ein besonders leckeres Essen kann auch diese Speise Lust wecken. Häufig wird der Beter dazu länger an einem Psalm kauen müssen, bis er ihm zum Wohlgeschmack wird und die damit verbundenen Energien freigesetzt werden.

Der Psalm beginnt mit einem Lob:

Selig sind, bei Luther heißt es Wohl denen... Das heißt so viel wie: Glückwunsch! Gratulation! Der Psalmbeter vertraut auf die Güte der Wegweisung Gottes, er ist dankbar und er wünscht, ja, er gelobt, dass er selbst sich an die Gebote halten will. Die Gebote sind: Weg des Lebens, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit; auch "Rechtleitung" werden sie genannt, d.h. sie sind normativ für die praktische Leitung der individuellen Lebensführung und des Gemeinwesens gemäß göttlichem Willen.

Wenn Menschen den Willen Gottes tun, so leben sie.

Dem Beter wird versichert: Wer mit Lust, also mit innerer Begeisterung die Gebote und Weisungen Gottes stets bedenkt und sie Tag und Nacht in seinem Herzen bewegt, der wird gedeihen, wie ein Baum, der ans Wasser gepflanzt ist. Wer sich bemüht, Gottes Weisung zu ergründen, dessen Leben wird reiche Früchte tragen. Hier spürt man etwas von der biblischen Freude am Gesetz.

Gebote und Gesetze – unsere täglichen Begleiter

Gebote begegnen uns auch im Alltag, als Vorschriften, als Straßenverkehrsordnung, als Hygieneverordnung in der Pandemie und so weiter. Sind uns diese Gebote fern? Stehen sie uns fremd gegenüber, lehnen wir uns gegen sie auf? Oder sind sie uns ganz selbstverständlich. Ob die Gebote innerlich und vertraut sind oder ob sie äußerlich und fremd, ja, sogar feindlich auf uns wirken, liegt oft nicht nur an den Geboten selbst, sondern an etwas anderem.

In allen fünf Büchern Mose, der jüdischen Thora, dem Gesetz, sind neben den Geboten immer auch Geschichten aufgeschrieben, die das Volk Israel mit seinem Gott erlebt hat, Geschichten voller Treue, voller Irrtum und Vergebung. Die Gebote der Bibel stehen auf einer breiten Basis von Erfahrung. Sie sind der lebendige Ausdruck der vertrauensvollen Beziehung zwischen Gott und seinem Volk.

So lange die gemeinsame Basis aus Begegnungen und Erfahrungen nicht gelegt ist, sind die Gebote tatsächlich fremd und weit weg. Die Gebote mit offenen Ohren zu hören und ihnen dann auch zu folgen, ist nur dem möglich, der Vertrauen hat. Dann erst können die Gebote langsam einsinken in das Herz, in den Kern der Person.

Bedeutung des Psalm 1 im Buch Deuteronomium

Das ist gemeint, wenn es im Buch Deuteronomium heißt:

Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust (Dtn 30,14).

Der Psalm beschreibt also etwas ganz anderes als eine oberflächliche Ethik des Gehorsams. Auch mit Furcht im Sinne von Angst hat das alles nichts zu tun. Die Bibel spricht – schon im Alten Testament – von einem guten Vertrauensverhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Die biblischen Menschen erleben Gott und dieses Erleben erfasst sie, es macht sie frei, es bewegt sie zur Barmherzigkeit und zur Gerechtigkeit. Das kann nur gelingen, weil Gott selbst als barmherzig und gerecht erlebt wird.

Wo Gott aber als strafend oder finster erlebt wird – wie es Luther umtreibt mit der Frage nach einem gnädigen Gott - da können auch die Gebote Gottes nicht gedeihen, denn die Voraussetzung stimmt einfach nicht. Das führt zu den Spöttern und Frevlern, deren Lebenshaltungen mit dem Weg unvereinbar sind, den Gott uns Menschen zeigt.

Sie sind Menschen ohne Gewissen und ohne Gott, die nach Macht streben, die aber im Wind verwehen muss. Sie bereichern sich auf Kosten anderer und schrecken vor Korruption und Gewalt nicht zurück, damals wie heute. Sie bestehen nicht im Gericht und ihr Weg verläuft ins Nichts.

"Ich muss das Glück nicht selbst finden"

Verstehen wir diesen 1. Psalm als einen Schlüssel zum Glück, zu einem gelingenden, erfüllten Leben. Und dieser Schüssel heißt: Lebe nach der Weisung Gottes! Und die leitet dich auf dem Weg der Liebe zu Gott und zur Nächstenliebe. Ein Gutes an dem Psalm ist, finde ich: Er sagt mir, ich muss das Glück, ich muss den Sinn für mein Leben nicht selbst erfinden.

Die Mitte für dein Leben ist schon da – hier in der Bibel, in der Weisung Gottes. Darin begegnet dir die Fülle des Lebens. Sie hat dich schon. Sie ist bei dir. Du brauchst sie nur zu nehmen. Du kannst zugreifen. Du kannst dich orientieren am Wort Gottes, an der Bibel. Nicht mehr suchen ohne Ziel oder rastlos und unzufrieden von Ziel zu Ziel, sondern Orientierung für die Gestaltung des eigenen Lebens finden, gebunden an die Liebe, deren Weg Gott weist.

Ich verstehe dieses Jahresthema unserer Ordensgemeinschaft als eine Einladung zu einem tieferen Verständnis der Heiligen Schrift, als Leseanleitung, welche mir hilft herauszufinden, was in einer bestimmten Situation recht oder gerecht ist, wahr oder falsch, hilfreich oder hinderlich – was mir hilft bei Tag und Nacht über Gottes Weisung nachzusinnen und dann seine Weisung für mein Leben und meinen Glauben zu entdecken.

Hinweis

Wer sich ein wenig mit den Psalmen beschäftigen will, sei auf das Werk des Alttestamentlers Erich Zenger verwiesen z.B. Psalmen, Auslegung in 2 Bänden, Herder 2011.

verfasst von: Pfarrer Andreas Klee, Hattersheim

Prior der Komturei Pater Maximilian Kolbe Frankfurt des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem

Lesung aus dem Buch der Psalmen

Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt,

sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.

Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.

Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.

Darum werden die Frevler im Gericht nicht bestehen noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Wort des lebendigen Gottes

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