Aktuelles aus unserem Orden

Jesu Gebot der Feindesliebe - Eindrücke vom Einkehrtag 2022 der Provinz Rhein-Main

Gottesdienst in St. Martinus Hattersheim (c) oessh.net, Cfr. Dr. C. Wolf

Provinzprior Dr Georg Müller (c) oessh.net, Cfr. Dr. C. Wolf

(c) oessh.net, Cfr. Dr. C. Wolf

(c) oessh.net, Cfr. Dr. C. Wolf

(c) oessh.net, Cfr. Dr. C. Wolf

(c) oessh.net, Cfr. Dr. C. Wolf

Am 12. März 2022 war es endlich wieder soweit: Nach langen Monaten, in denen die Provinz Rhein-Main wiederholt auf epidemiologische Herausforderungen reagieren musste, konnte ihr traditionelle Einkehrtag stattfinden. Gut 50 Confratres, Consorores, Kandidaten und Freunde der Gemeinschaft des Ritterordens kamen hierzu bei strahlendem Wetter in der Pfarrkirche und dem Gemeindezentrum St. Martinus in Hattersheim zusammen. Selbstverständlich achteten alle Teilnehmer durch entsprechende Hygienemaßnahmen darauf, dass Risiken und Ansteckungsgefährdungen bestmöglich vermieden wurden. 

Jesus ruft zur Feindesliebe auf

Zentrum des Einkehrtages war die gemeinsame Feier der Eucharistie. Zelebrant des Gottesdienstes war Cfr. Dr. Georg Müller, der Prior der Provinz Rhein-Main. Das Tagesevangelium (Mt 5,43-48) enthielt die ohnehin schon von nicht wenigen als bedrängend empfundene Aufforderung Jesu zur Feindesliebe. Doch für alle Teilnehmer des Einkehrtages war diese Aufforderung noch viel aufwühlender, da seit dem 24. Februar 2022 der von Putin befohlene furchtbare Angriffskrieg auf die Ukraine wütete.

Die richtige Einstellung zum Leben

„Ja, Gott mutet uns Menschen einiges zu. Die Tatsache, dass es so viel Unfrieden, Gewalt und Leid in der Welt gibt. Dass Gebete scheinbar nicht erhört werden. Und dazu noch die Forderung, die Feinde zu lieben“, gab Cfr. Dr. Georg Müller zu. „Gott lässt die Sonne scheinen über Gerechten und Ungerechten. Aber das heißt ja nicht, dass Er nicht einmal und endgültig Gerechtigkeit schaffen wird. Doch dazu braucht es die göttliche Geduld, Weizen und Unkraut wachsen zu lassen. Und diesen Blick, diese ganz andere Einstellung zum Leben sollen wir uns als Christen auch in der Auseinandersetzung aneignen.“

Die Bibel als Antwort auf viele Fragen

Auf die Frage, woher dann all das Böse, das Feindliche, der Hass in der Welt komme, verwies er auch die grundsätzliche Antwort der Bibel mit der bekannten Erzählung in der Genesis: Vom Menschen. Die Bibel gebe eine Antwort, indem sie beschreibt, was geschehen ist und immer wieder geschieht zwischen Menschen und Gott und zwischen Mensch und Mensch.
„Das Böse kommt aus der freien Entscheidung des Menschen, indem er etwas tut, was sich gegen Gott und dessen Ordnung, gegen den anderen Menschen richtet, und dadurch die Freiheit pervertiert, indem er sie für etwas gebraucht, was schadet, tötet“, betonte Müller. Der Mensch setze „seinen eigenen Standpunkt absolut“. „Sünde hat immer eine personale Seite, hat einen Verursacher, auch wenn die Folgen oft andere mitreißen, die gar nicht dafür verantwortlich sind, aber dann doch mitmachen. Und es entstehen Verhältnisse, die die Sünde unterstützen und ermöglichen“ so Müller. 

Es gibt eine Chance zur Erneuerung der Welt

„Das Geschenk der Freiheit, des Willens, der Entscheidung ist ein großes Geschenk. Es ist gut, um es ganz klar zu sagen, dass wir nicht Marionetten einer überirdischen Macht sind, sondern uns entscheiden können“, betont der Provinzprior. „Aber dieses Geschenk kann sich schrecklich gegen uns selbst kehren. Doch mit Blick auf die besondere, die christliche Sicht auf diese Erde und ihre Heilgeschichte betonte Müller: „Wie sehr wir Menschen uns auch immer wieder bemühen, uns selbst abzuschaffen, mit dem menschlichen Leben herumzuexperimentieren, die Schöpfung zu zerstören, und die Geschichte zu einer Unheils Geschichte werden zu lassen, so sehr bleibt dies nicht nur die Welt, die Gott geschaffen hat, sondern in die er selbst gekommen, um all das mitzutragen – Jesus kennt, was Menschen sich antun, von der Verfolgung als Kind bis hin zur ungerechten Verurteilung und seinem grausamen Tod.“ In dieser „Durchbrechung des irdischen Kreislaufs von Geben und Nehmen lege die Chance zur Erneuerung der Welt“, betonte Cfr. Dr. Georg Müller unter Hinweis auf den Neutestamentler Klaus Berger. 

Begrüßung durch die Präsidentin der Provinz Rhein-Main, Csr. Ricarda Schulze Dieckhoff

Im Anschluss an die Feier der Heiligen Messe, die mit dem Ordensgebet endete, begrüßte die Präsidentin der Provinz Rhein-Main, Csr. Ricarda Schulze Dieckhoff, die Teilnehmer des Einkehrtages und drückte ihre große Freude über das Geschenk der heutigen Begegnung aus.
Sie dankte hiernach Cfr. Pfarrer Andreas Klee herzlich dafür, dass er wieder seine Pfarrkirche St. Martinus für die Provinz geöffnet hat. 
Hiernach warf sie einen kurzen Blick auf die Provinz Rhein-Main. Sie erinnerte daran, dass am 23. Februar in der Komturei St. Hildegard Mainz/Wiesbaden die Wiederernennung der Leitenden Komturdame sowie den Amtswechsel im Priorenamt der Komturei begangen wurde. Csr. Simone Weinmann-Mang werde die Komturei in einer zweiten Amtszeit leiten. Und in dieser Aufgabe werde sie geistlich vom neuen Prior der Komturei Cfr. Dr. Tonke Dennebaum begleitet. Und der langgediente und hoch geschätzte Prior der Komturei, Cfr. Prälat Dietmar Johannes Giebelmann dürfe nun seinen „Ordens-Ruhestand“ antreten. 
Mit Blick auf die Statthalterei können wir erfreut sein, so die Präsidentin, dass im Mai nach nun über zwei Jahren in München wieder eine Investitur stattfindet, zu der alle Ordensmitglieder eingeladen sind. An dieser Stelle richtete sie zudem gern die herzlichen Grüße des Statthalters an alle Teilnehmer aus.
Cfr. Schulze Dieckhoff kündigte hiernach an, dass sie zum Ende der österlichen Bußzeit gemeinsam mit dem Provinzprior wieder zum Karfreitagsopfer aufrufen werde. „Bitte nehmen Sie diesen Spendenaufruf sehr ernst“, warb die Präsidentin für ein wirksames Karfreitagsopfer. 

Geistlicher Impuls durch Provinzprior Cfr. Dr. Georg Müller

Mit den Worten „Neben Pilgern und Opfern gehört aber auch das Beten zu den Grundwerten unserer Ordensgemeinschaft“ übergab Präsidentin Schulze Dieckhoff das Wort wieder an Provinzprior Cfr. Dr. Georg Müller, der hiernach einen geistlichen Impuls an die Teilnehmer des Einkehrtages richtete. 

„Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“ 

Dr. Georg Müller räumte ein, dass Jesus mit dem Gebot der Feindesliebe seine Zuhörer „wieder einmal nicht schont, damals wie heute“. Vielmehr lege er ihnen radikale Forderungen vor: „Auch uns heute, denn sein Wort ist genauso in unser Leben gesprochen wie in das Leben der damaligen Zuhörer“. Es gehe dem Herrn hier jedoch nicht einfach um ein ethisch richtiges Verhalten, sondern es gehe ihm um „die Handlungsperspektive“, betonte Müller: Denn Jesus spreche zu denen, die sich zu ihm und seinem Evangelium bekennen und Kinder des Vaters im Himmel sein wollen. „Böses sei zudem ja nicht immer so leicht festzustellen wie in einem Kriegsfall oder bei einem Verbrechen“, so Müller. Die Sünde komme manchmal ganz beiläufig und alltäglich daher, so wie die Schlange in der Genesis: Wär´ doch schön, diesen Apfel zu essen…“
Dr. Georg Müller erinnerte hiernach an den englischen Zisterziensermönch Aelred von Rievaulx (+ 1167). Dieser betonte in seinem Werk „Spiegel der Gerechtigkeit“ die Bedeutung des Schauens auf Jesus für die Feindesliebe: „Nichts spornt uns so sehr an, sie zu üben, wie das Beispiel Christi, wenn wir dankbar betrachten, mit welch wunderbarer Geduld er, der „Schönste von allen Menschen“ (vgl. Ps 44,3) die Schönheit seines angesichts von den Gottlosen bespeien ließ; wenn wir die Geduld betrachten, mit der er die Augen welche die Welt mit ihrem Wink regieren, von den Bösen mit einem Schleier verbinden ließ; die Geduld, mit der er seine Seite den Geißeln darbot und das Haupt, das die Mächte und Gewalten fürchten, mit den spitzen Dornen krönen ließ; die Geduld, mit der er Schmähungen und Beschimpfungen duldete und mit der er schließlich Kreuz, Nägel und Lanze, Galle und Essig ertrug – bei alldem beherrscht, milde und still.“
In der Praxis können – so Müller - uns die Heiligen als Beispiel dienen und verwies auf Edith Stein: 1942 wurde sie wie viele andere getaufte Juden in den Niederlanden von den Nazis verhaftet und zusammen mit ihrer Schwester aus dem Karmelkloster in Echt ins Konzentrationslager verbracht. Sie hatte sich gegen ihre Verhaftung nicht gewehrt, verstand ihren Tod als „Angleichung“ an Jesus Christus. 
„Nun, sicher, ihre Feinde hat sie damit nicht überzeugt“, gab Müller zu bedenken. „Aber im Blick auf das ganze haben die Nazis ihre Ziele nicht erreicht, weder im Großen noch im Kleinen. Das irdische Leben von Edith Stein findet in Auschwitz ein schreckliches Ende, aber ihre Existenz ist nicht ausgelöscht. Im Gegenteil, viele beschäftigen sich bis heute mit ihr, gedenken ihrer und der Gefährten und Gefährtinnen im Leid, die Kirche hat sie heiliggesprochen. Sie ist präsent, und wir glauben sie in der Gegenwart Gottes.“
Natürlich sei solches Handeln nicht einfach zum Nachahmen, es ist auch Geschenk, betonte Müller. Aber die Perspektive des Glaubens öffnet eine neue Sicht auf die Welt, die Geschichte, unseren persönlichen Lebensweg. „Übertragen wir so etwas einmal auf die Kriege und Krisen von heute“, forderte Müller. Hierzu nannte anschließend noch einen konkreten Fall von erfolgter Versöhnung:
„In Speyer gibt es die Friedenskirche St. Bernhard. Nach dem Krieg wurde der Bau begonnen, bezahlt auch mit dem Geld französischer Katholiken. Bei der Grundsteinlegung war der franz. Außenminister da, 1954 konsekriert mit französischen Bischöfen, nur neun Jahre nach dem schrecklichen Krieg. Sie können auch andere Versöhnungsprozesse denken. Sicher gab es in den Ländern immer auch solche, die dagegen waren, und das ist menschlich vielleicht sogar verständlich. Und doch ist mit einem solchen Handeln der Automatismus von Gewalt, Gegengewalt und Hass unterbrochen worden.“
Zum Schluss erinnerte Cfr. Dr. Georg Müller an den besonderen Auftrag der Gemeinschaft des Ritterordens: „Wer von uns als Ordensdamen und Ordensritter denkt jetzt nicht auch an das so von Hass und Unfrieden geplagte Heilige Land? Wie sehr braucht dieses Land eine andere Perspektive“: In diesem Sinne forderte er die Teilnehmer des Einkehrtages auf: „Schauen und hören wir auf den Herrn. Es geht nicht darum, einfach so sein zu wollen wie alle anderen. Als Christen sollen wir uns unterschieden, durch unsere Haltung, innerlich und äußerlich. Wir sollen uns an Gott und seinem Wort orientieren, Handeln, weil wir zu ihm gehören wollen. Dazu ruft uns Jesus auf. Wir haben unser ganzes Leben, um diesem Ruf immer besser zu entsprechen. Anfangen müssen wir aber selbst damit.“

Schlussgedanke

Mit diesem geistlichen Impuls endete der Einkehrtag 2022 der Provinz Rhein-Main in Hattersheim. Dezentral schlossen sich in den benachbarten Restaurants noch einige gute persönliche Begegnungen an. So endete am Nachmittag dieses sonnigen Samstags der traditionelle Einkehrtag der Provinz Rhein-Main. Nachdenklich, sehr bewegt, aber auch sehr dankbar für das Geschenk der Gemeinschaft des Ritterordens trennten sich nach und nach die Wege der Teilnehmer. Nutzen wir dieses Geschenk, um uns gegenseitig zu stärken und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anzuspornen. Deos lo vult. 
 

Cookie-Einstellungen

Wir verwenden auf www.oessh.net Cookies (z. B. Tracking- und Analytische Cookies), mit denen eine Analyse und Messung von Nutzerdaten möglich ist. Weitere Informationen finden Sie hier: