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Interview mit Patriarchatsvikar Fr. Rafric Nahra zur Situation der Jugend in Israel 

(c) lpj.org

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Anfang Februar 2022 sprachen der Statthalter der Deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab, Cfr. Dr. Michael Schnieders, und die Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission, Csr. Cornelia Kimberger, in einer Videokonferenz mit dem Patriarchatsvikar für Israel, Fr. Rafic Nahra. Der Priester stand vor seiner jetzigen Position zwei Jahre lang dem Vikariat für Migranten, Asylanten und Flüchtlinge in Israel vor. Insgesamt gibt es dort ungefähr 130.000 Christinnen und Christen. 

Fr. Rafic, vor vier Monaten sind Sie im Vikariat in Nazareth angekommen. Wie geht es Ihnen mit Ihrer neuen Aufgabe? Was haben Sie sich vorgenommen? 

Zunächst: ich fühle mich wohl. Wir haben eine kleine Gemeinschaft hier im Vikariat; drei polnische Schwestern kümmern sich mit mir um zahlreiche Aufgaben. Meine Aufgabe hier in Israel als Patriarchatsvikar empfinde ich als sehr spannend. Viele Aufgabenfelder sehe ich, die nach meinem Empfinden unbedingt angegangen werden müssen. Zu allererst müssen wir uns mehr um die Jugend und die Familien kümmern. Auch hier in Israel wird, wie in vielen anderen wohlhabenden Ländern auch, dem Glauben kein besonders großer Stellenwert mehr beigemessen. Selbst wenn ihre Kinder in einer christlichen Schule sind, ist es den Eltern wichtiger, dass sie gute Schulnoten in wissenschaftlichen Fächern, in Mathematik und Sprachen erreichen. Der Religionsunterricht kommt dabei zu allerletzt. Die Glaubensvermittlung ist den Eltern nicht mehr so wichtig. 

Wie möchten Sie dem entgegenwirken? 

Ich habe alle Religionslehrer in den fünf Lateinischen Patriarchatsschulen in Israel besucht und sie kennenlernen dürfen. Mir schwebt eine Weiterbildung aller Lehrkräfte vor, damit sie die Kinder und Jugendlichen begeistern können. Es bedarf einer anderen Herangehensweise, die Religion zu vermitteln. Die Sprache muss sich ändern. Bessere, zeitgemäße Lehrbücher müssen zum Einsatz kommen. In Haifa haben wir ein Ausbildungs- und Fortbildungszentrum der Theologie geschaffen. Dort können sich auch Laien einschreiben, um Religionswissenschaften zu studieren. Es geht dabei um eine neue Herangehensweise an den christlichen Glauben. Wir sind dabei, einen Lehrplan dafür zu entwickeln. 

Kommen die Kinder, Jugendlichen und Familien denn nicht in die Gottesdienste? 

Bei uns in Israel ist es wie überall in reichen Ländern: Die Menschen entfernen sich vom Glauben. Am Wochenende möchte man ausschlafen. Das Materielle steht im Mittelpunkt. Das Streben ist, viel Geld zu verdienen, und der Wunsch, das Leben ausgiebig zu genießen. Den Eltern ist es nicht wichtig, ob ihre Kinder in den Gottesdienst kommen. Natürlich gibt es – zum Glück – auch Ausnahmen. Allerdings hat die Corona-Pandemie das Fernbleiben noch einmal beschleunigt. Waren es vorher schon wenige, die in die Gottesdienste kamen, so sind es nun noch weniger. Die Leute sitzen lieber vor dem Computer und schauen sich eine Internetmesse an. Doch das ist in meinen Augen kein richtiger Gottesdienst! Nach meinem Dafürhalten müssen unsere Kinder im Glauben aufwachsen. 

Wie wollen Sie das schaffen? 

Ein guter, an die Zeit angepasster Religionsunterricht und ganz wichtig: Elternarbeit. Wir müssen mit den Eltern sprechen und sie wieder für die Kirche begeistern. Wir müssen die jungen Paare, die heiraten, gut auf die Ehe vorbereiten und auch danach immer an ihrer Seite stehen. Leider ist es aber auch so, dass die jungen Leute oft gar nicht heiraten möchten. Sie gehen lieber ihrem Beruf, ihrer Karriere nach. Wunderbar ist der Bibelwettbewerb, den es seit vielen Jahren im Vikariat gibt, der sich über einige Monate hinzieht. Es gilt einige Runden zu bestehen, um in die Endausscheidung zu gelangen. Die Kinder lesen mit Hilfe ihrer Eltern biblische Texte und Geschichten, die dann abgefragt werden. Der Sieger der Endrunde bekommt ein besonderes Geschenk. 

Man kann aus Ihren Ausführungen erkennen, dass die Situation der Christen in Israel eine ganz andere ist als die der Christen in Palästina und Jordanien... 

Ja, die Situation der Kirche in Israel ist ungleich anders als die in Palästina und Jordanien. Hier in Israel geht es den Menschen wirtschaftlich oft viel besser als im Rest der Diözese. Die Lage der Christen dort ist zumeist prekär, oft fehlt es am Nötigsten. Man ist auf die humanitären Hilfen angewiesen. Die Christen in Palästina und Jordanien sind mit Freude in den Gemeinden in Gruppen engagiert. Der Gottesdienst wird fleißig besucht. Auch Kinder, Jugendliche und junge Familien kommen gerne zu all den vielen kirchlichen Aktivitäten.  Dort ist der Glaube noch der Mittelpunkt im Leben einer Familie.  

Gibt es eine Jugendarbeit in den christlichen Gemeinden in Israel? 

Viel zu wenig, meines Erachtens. Daher haben wir nun eigens einen jungen Priester dafür eingesetzt, die Jugendarbeit voranzutreiben. Seine Aufgabe ist es, dass er in den vierzehn Gemeinden mit den Priestern berät, wie Jugendgruppen entstehen können. Römisch-katholische, griechisch-katholische und auch orthodoxe Kinder und Jugendliche sollen miteinander ihre Freizeit verbringen und gemeinsam im christlichen Glauben erzogen werden. Wir gehen den ökumenischen Weg, denn dieser ist für die Kinder ganz normal. In ihren christlichen Familien gehört oft ein Elternteil der melkitischen oder der orthodoxen Kirche an. Es ist selbstverständlich in gemischt-konfessionellen Familien, dass man miteinander Weihnachten und Ostern feiert. Vielleicht schaffen wir es durch unsere Jugendgruppen, unsere Jugend auch dafür zu begeistern, sich sozial zu engagieren. Mit großer Bewunderung habe ich in Jerusalem junge Menschen aus aller Welt im Vikariat für Migranten und Flüchtlinge kennenlernen dürfen, die für ein Jahr oder länger sich um die Arbeitsmigrantinnen, deren Babys und andere Menschen in Not gekümmert haben. Mein großer Wunsch ist es, dass auch Christen aus Israel sich einsetzen, um Not und Leid zu lindern. 

Wie lebt es sich als Christ in Israel, in einer Minderheiten-Situation? 

Die Christen müssen viel mehr um ihre Rechte kämpfen – beispielsweise, wenn es um Baugenehmigungen oder Eigentumsfragen geht. Die Regierung ist ziemlich rechts und national. Das birgt oft Konfliktpotential. Es gibt zudem nicht wenige national-religiöse Juden, die das Leben insgesamt hier in Israel etwas schwieriger machen. 

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Priestern in Ihrem Vikariat? 

Wir treffen uns alle – auch die Franziskaner – einmal im Monat zusammen mit dem Patriarchen, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. Neu ist es, dass seit meinem Amtsantritt nun die Treffen abwechselnd einmal in Jerusalem und einmal in Nazareth stattfinden. Die Zusammenarbeit untereinander ist sehr gut. 

 

Lieber Fr. Rafic, wir wünschen Ihnen viel Kraft und Gottes reichen Segen für Ihre Aufgaben als Patriarchatsvikar.  

Cornelia Kimberger, Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission 

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