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Impuls zum 4. Fastensonntag

Zu meiner Priesterweihe bekam ich von meinen Schulfreundinnen und -freunden einen Flug nach Verona zur Opernaufführung von „Nabucco“ in der Arena geschenkt. Ein Stück aus dem dritten Akt musste vom Chor wiederholt werden – Sie kennen es alle: „Va, pensiero, sull'ali dorate“ – „Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“, der sogenannte Gefangenenchor. Das Libretto stammt von Temistocle Solera nach dem Psalm 137. Diesen Psalm hören oder lesen wir in der Liturgie am heutigen 4. Fastensonntag. Die Sehnsucht nach Zion bleibt auch an den Strömen von Babel in dem in der Verbannung lebenden Volk lebendig: die Sehnsucht, nach Jerusalem wieder zurückzukehren, die zerstörte Stadt und den Tempel wieder aufbauen zu können. 

„Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll meine rechte Hand mich vergessen. Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht mehr gedenke, wenn ich Jerusalem nicht mehr erhebe zum Gipfel meiner Freude.“ (Ps 137,5 f.) 

So wie Mose das Volk aus der Gefangenschaft Ägyptens durch die Wüste in das verheißene Land herausführen wird, kann Israel später wieder aus der Verbannung von den Strömen Babels zurückkehren nach Jerusalem. Diese Sehnsucht nach Jerusalem ist uns Schwestern und Brüdern des Ritterordens vom Hl. Grab zu Jerusalem hoffentlich ebenfalls spätestens mit unserer Investitur mit auf den Weg gegeben – nicht nur in der Verpflichtung, einmal im Leben dorthin zu pilgern, noch weniger in der Absicht, die Pilgermuschel zu erhalten – sondern in dem Verlangen, unseren Schwestern und Brüdern zu begegnen, die dort ihren Glauben oft unter schwierigen Bedingungen leben, und an den Orten zu beten, die für uns Sehnsuchtsorte sind, weil wir dort Jesus Christus begegnen, der vom Vater in die Welt gesandt wurde, „damit die Welt durch ihn gerettet wird. (Joh 3,17b). Gerade in der Zeit dieser Pandemie spüren die Christinnen und Christen in Jerusalem und an anderen Pilgerorten mit ihren Einrichtungen schmerzhaft das Ausbleiben der Pilgernden – natürlich auch im ökonomischen Bereich. 

Das Volk Israel stimmt in der Zeit der Bedrängnis in diesen Klagepsalm ein, um seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht sinken zu lassen, „muss“ in seelischer Not Lieder vom Zion singen. Diese persönlichen Nöte, die Nöte von Mitmenschen und ganzer Völker in der „Exilsituation während der Corona-Pandemie“ erfahren wir nun schon seit über einem Jahr. Die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht sinken zu lassen, ist die große Herausforderung, die uns mit dem Volk Israel verbindet und in seiner Erfahrung auch uns Mut machen kann. In eigener persönlicher Not hat mir das Hören eines Liedes immer wieder Mut gemacht und mich motiviert, die Hoffnung nicht sinken zu lassen: „Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht“. Hören Sie an diesem 4. Fastensonntag einmal diese Arie – und lassen Sie sich tragen und beflügeln, damit wir innerlich und äußerlich immer wieder Mut bekommen und hoffentlich bald wieder nach Jerusalem pilgern können und singen: „Laetare Jerusalem – Freue dich, Jerusalem“ 

Pfr. Christoph Lindner
Prior der Komturei St. Oliver, Hildesheim

 

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