Aktuelles aus unserem Orden

Impuls zum 4. Advent - Kuss an der Krippe 

Es war vor einigen Jahren in der Adventszeit im Osnabrücker Dom. Ich beobachtete eine kleine Szene, an die ich gerne denke, und die mich auch nach Jahren noch fasziniert. 

Die Domküster bauten gerade die große Weihnachtskrippe auf. Es sah zunächst aus wie auf einer Baustelle: Bretter lagen auf dem Boden, im Eingangsbereich des Doms befanden sich Gerüste; die kostbaren Krippenfiguren standen geschützt in einer Seitenkapelle. Ganz vorne stand das Kamel, rechts dahinter die Figur der Gottesmutter Maria.  

Ein Kind im Vorschulalter kam mit seiner jungen Oma in den Dom. Das Kind sah das Kamel und kuschelte sich ängstlich an die Oma. „Du musst keine Angst haben“, sagte die Oma, „das Kamel ist nicht echt. Es ist eine Krippenfigur und gehört zu den Heiligen Drei Königen.“ Mit dieser Erklärung beruhigt, ging das Kind ganz nah an das Kamel heran. Dann sah es die Figur der Gottesmutter. „Ist das Maria?“. „Ja“, sagte die Oma, „das ist Maria, die Mama von Jesus“. „Darf ich ihr ein Küsschen geben?“, fragte das kleine Kind. „Wie kommst du denn darauf?“, wollte die Oma wissen. „Ich hab´ Maria doch so lieb!“ Die Oma zwinkerte dem Kind zu. Und das Kind ging zur Marienfigur und gab ihr einen Kuss. 

Die zweifache Geburt unseres Herrn 

Das Verhalten des Kindes hat mich beeindruckt. Es erinnert mich an die Gedanken mittelalterlicher Theologen, die von einer zweifachen Geburt des Herrn sprechen.  

Die erste Weise ist die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth: Gott wird Mensch in einem kleinen, wehrlosen Kind. Es liegt in einer unbedeutenden Krippe am Rande des kleinen Dorfes Betlehem, umgeben von gesellschaftlich verachteten Menschen. Die Krippendarstellungen in unseren Kirchen und in unseren Wohnungen erinnern uns daran: Wir sehen das Kind in der Futterkrippe; in unmittelbarer Nähe stehen bzw. knien Maria und Josef, etwas entfernter befinden sich die Hirten und die Schafe. Zum zweiten weihnachtlichen Hochfest der Erscheinung des Herrn werden auch die Heiligen Drei Könige aufgestellt, manchmal dargestellt mit einem Kamel, das das Gepäck der Weisen aus dem Morgenland trägt. Die Botschaft dieser bildlichen Darstellung lautet: Gott ist einer von uns geworden. Er ist uns nahe – auch und gerade in schwierigen Situationen, die wir zu bestehen haben.  

Die mittelalterlichen Theologen kennen noch eine zweite Deutung der „Geburt Gottes“: Die Menschwerdung geschieht geistlich. Gott wird in den Menschen geboren, die sich für Gott öffnen. Gerhard Tersteegen hat die Liedstrophe gedichtet: „Süßer Immanuel, werd auch in mir nun geboren. (…) Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren“ ( GL 251,7). 

Auf kindliche Weise hat auch das Kind im Osnabrücker Dom diese Öffnung für Gott vollzogen und gezeigt. Es hat sich den Krippenfiguren genähert und schließlich sogar – ganz mutig – der Marienfigur einen Kuss gegeben.  

Gott wird auch in uns neu geboren 

In den nächsten Tagen werden viele in ihren Wohnungen die Krippen aufbauen. Manche von uns haben aus Olivenholz geschnitzte Figuren aus dem Heiligen Land. Wohl alle, die bereits das Heilige Land auf Pilgerfahrten erleben konnten, werden sich an die biblischen Stätten erinnern, wenn sie die Figuren aufstellen. Das Gestalten der Wohnungen kann zu einer geistlichen Übung werden: Ich werde mir bewusst, dass ich offen für Gott bin, ihm vertraue, mit Gott mein Leben zu gestalten versuche.  

Gott wird in unserer Zeit geboren. Ich jedenfalls begegne vielen Menschen, die Gott vertrauen und für ihn offen sind. Daher bin ich mir sicher: Gott wird auch in diesen Tagen in vielen Menschen neu geboren. 

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