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Impuls zum 2. Adventssonntag 2021

„Maria durch ein Dornwald ging.“ Manche von Ihnen werden dieses alte Adventslied aus dem Eichsfeld kennen. Es stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Evangelium des Evangelisten Lukas, das den Weg Mariens von Nazareth nach Judäa zu Elisabeth beschreibt, ist die biblische Grundlage für dieses Lied. Es besingt den Weg Mariens durch einen Dornwald. Sie trägt ein Kind unter ihrem Herzen, und dieses Kind bewirkt, dass der Dornwald zu blühen beginnt und sich in einen Rosengarten verwandelt.  

I. Es ist ein Gleichnis für den langen Weg Gottes mit den Menschen durch diese Welt. Am Anfang dieses Weges hat Gott den Menschen in einen „Garten“ gesetzt. Der Mensch ist damit jedoch nicht zufrieden; er will mehr, er will sich gegen Gott behaupten. So geht der Garten verloren, die Erde wird zum Ort der „Mühsal", sie beginnt „Dornen und Disteln" für den Menschen zu tragen (Gen 2,17 f.). Auch Mariens im Evangelium beschriebener Weg ist voller Mühsal und Anstrengung. Sie ist schwanger und legt den weiten Weg von Nazareth nach Judäa zurück. Dieser Weg ist damit auch Sinnbild für unseren mitunter anstrengenden Lebensweg. 

Summen oder singen Sie einmal für sich die erste Strophe des Liedes (GL 224) und schauen auf das, was in unserem Leben voll Dornen und Disteln ist:  

Maria durch ein Dornwald ging, 
Kyrie eleison. 
Maria durch ein Dornwald ging, 
der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen.  
Jesus und Maria. 

Vielleicht haben Sie die „Dornen“ des Stolzes, der Selbstgerechtigkeit, der Eigenmächtigkeit oder des Zornes gespürt. Vielleicht haben Sie Schmerz empfunden, weil Sie aus Ihrem Leben die Dornen der Krankheit und des Todes eines lieben Menschen kennen. Maria geht mit uns diesen Weg und trägt dabei Jesus in ihrem Leib – für uns.  

II. Aber Gott lässt den Menschen in seinem selbstgeschaffenen „Dornwald" nicht allein. Er geht ihm nach. Immer wieder versucht er, ihn daraus zu befreien, ihn in ein „schönes, weites Land zu führen, wo Milch und Honig strömen" (Ex 3,8). Gegenüber aller menschlichen Untreue bleibt er seiner Verheißung treu. Er verkündet in die Hoffnungslosigkeit, dass es Rettung gibt.  

Von der Erfüllung dieser Verheißung singt unser Weihnachtslied. Allerdings tritt sie – wie so oft in der Geschichte der von Gott geweckten Hoffnung – ganz anders ein als erwartet. Nicht ein machtvoll hereinbrechender Kampftag Jahwes vernichtet den Dornwald, als die sieben Jahre der Dürre endlich „erfüllt“ sind. Einzig der „zarte Zweig“, der aus dem trockenen „Baumstumpf Isais hervorsprießt“, verwandelt die Welt in einen Garten, in dem der Mensch ungefährdet wie ein Kind leben kann - „weil man nichts Böses mehr tut" (Jes 11,1.6 ff.). Durch Maria, die Gottes Willen vorbehaltlos an sich geschehen lässt, kann Gott selbst befreiend in den Dornwald unserer Welt eindringen.  

Und es beginnt etwas Neues. Es ist nicht der Schmerz der Schwangerschaft und der Geburt, den Maria empfindet, sondern sie geht ohne Schmerzen. Das, was Eva noch im Paradies verheißen war, gilt für die neue Eva, für Maria, nicht mehr. Sie trägt das Heil, das Leben in sich.  

Hören Sie innerlich die zweite Strophe, in der wir auf das schauen, was Maria unter ihrem Herzen trug. Sie trug Jesus, der die Verstrickung in die Dornen und Disteln des Lebens lösen will.  

Was trug Maria unter ihrem Herzen? 
Kyrie eleison. 
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, 
das trug Maria unter ihrem Herzen.  
Jesus und Maria. 

III. „Da haben die Dornen Rosen getragen, als das Kindlein durch den Wald getragen“. Haben sie es wirklich? Haben sie es über die eine Nacht, die Weihnacht, hinaus getan, in der durch den Gesang der Engel und die Botschaft der Hirten eine „große Freude« (Lk 2,10) und eine grenzenlose Hoffnung den Menschen geschenkt wurde? Wie viel von den befreienden Worten und Taten jenes Retters fiel schließlich doch wieder „unter die Dornen“, die „mit aufgingen und sie erstickten" (Lk 8,7)? Die Macht des Bösen scheint auch jetzt noch nicht gebrochen zu sein. Waren die „Rosen" nur eine Episode in der nie endenden Geschichte des „Dornwalds" menschlicher Schuld? Doch dieser Schein trügt: Wo für uns die Geschichte der Befreiung endgültig verloren zu sein scheint, geht Gott seinen Weg mit uns weiter. Wo für uns alles verdorrt zu sein scheint, kann er aus dem Nichts des Todes neues Leben hervorgehen lassen. Das feiern wir Ostern. Der Messias, dessen Geburt wir Weihnachten feiern, ist nicht nur eine Fata Morgana, sondern der Sieger über den Tod, so dass wir uns statt durch den trockenen Dornwald in einen blühenden Rosengarten vorzaubern lassen können.  

Da haben die Dornen Rosen getragen, 
Kyrie eleison. 
Als das Kindlein durch den Wald getragen, 
da haben die Dornen Rosen getragen.  
Jesus und Maria. 

IV. Zwischen Maria und Elisabeth herrscht ein Einklang, den wir uns für unsere Begegnungen rund um Weihnachten gerne wünschen. Beide Frauen begegnen einander in aller Offenheit. Sie haben keine Vorbehalte gegeneinander, sondern freuen sich über das Zusammentreffen aus tiefstem Herzen. Offene Begegnung und Freude aneinander – so kann Weihnachten werden. Suchen wir in diesen Tagen das Herz unserer Mitmenschen zu erreichen, auf andere zuzugehen, ihnen liebevolle Zuneigung zu schenken! Stellen wir das Gemeinsame in den Vordergrund! Interessieren wir uns füreinander! Die Feiertage bieten dafür Zeit, mehr als wir unterm Jahr oft haben. Weihnachten lebt von mitmenschlichen Beziehungen. Seien wir dafür offen und verschließen wir uns nicht! 

Und doch ist der „Dornwald" noch nicht in einen „Rosengarten" verwandelt. Noch ist es uns aufgetragen, in der Gefährtenschaft Jesu durch diesen „Dornwald" mitzugehen und durch unsere ebenso „unvorsichtige" Liebe den Dornen ihre tödlichen Stacheln zu nehmen. Vor allem dort, wo sie besonders hart und blutig verwunden, draußen an den „Straßen und Gassen der Stadt", an den „Hecken und Zäunen", wo die „Armen und Krüppel, die Blinden und Lahmen" auf die Einladung zum Mahl warten (Lk 14,21 ff.). Je mehr wir dort, inmitten der „Dornen", „Rosen" zum Blühen bringen, umso heller fällt das Licht unserer Hoffnung auf den vor uns liegenden Weg und lässt das endgültige Ziel aufscheinen.  

An Weihnachten feiern wir die entscheidende Wende dieser wechselvollen Geschichte. Die „Dornen" haben in dieser Nacht ihre unüberwindlich scheinende Macht verloren. Sie haben begonnen, gegen allen Augenschein, „Rosen" zu tragen. Die Ankunft des Kindes hat den „Dornwald" unserer Welt „unwiderstehlich" verwandelt.  

Wer hat erlös’t die Welt allein? 
Kyrie eleison. 
Das hat gethan das Christkindlein,  
Das hat erlös’t die Welt allein!  
Jesus und Maria!" 

Kanonikus Dr. Oliver Rothe 

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