Aktuelles aus unserem Orden

Impuls zum 1. Januar 2022: … dass Jesus Jude war. 

(c) Pavlo Sukharchuk, iStock

Es gibt wenige Tage, die motivisch so überfrachtet sind wie der 1. Januar. Fast die ganze Welt feiert „Neujahr“ und beginnt das neue Kalenderjahr mit guten Wünschen, hoffnungsvollen Ausblicken oder auch mit Sorgen, die durch das laute Feuerwerk von Sylvester nicht vertrieben werden konnten. So wünsche ich Ihnen und so wünschen wir uns gegenseitig ehrlichen Herzens ein gutes und gesegnetes Jahr. Wir dürfen dabei darauf vertrauen, dass wir nicht allein sind, sondern Gott mit uns geht – in guten und in schweren Tagen. 

Der 1. Januar als Weltfriedenstag 

Angesichts weltweiter Spannungen hat Papst Paul VI. 1968 den 1. Januar zum „Weltfriedenstag“ erklärt, den er und seine Nachfolger zum Anlass genommen haben und nehmen, auf wichtige Aspekte des friedlichen Zusammenlebens der Staaten- und Menschheitsfamilie aufmerksam zu machen. Franziskus hat seine Botschaft in diesem Jahr unter den Titel gestellt: „Dialog zwischen den Generationen, Erziehung und Arbeit: Werkzeuge, um einen dauerhaften Frieden aufzubauen“. Programmatisch steht so auch über dem neuen Jahr die große Sehnsucht nach Frieden und der Impuls, das, was wir dazu beitragen können, nicht zu unterlassen. Dabei gehört dieses Anliegen zuinnerst zu unserer Gemeinschaft: Als Damen und Ritter des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem fördern wir vielfach Projekte, die dem Frieden im Heiligen Land dienen, nicht zuletzt auch mit unseren Bemühungen um Bildung und Ausbildung für die junge Generation. 

Der 1. Januar als Hochfest der Gottesmutter  

In den amtlichen Texten der Liturgie ist allerdings weder von Neujahr noch vom Weltfriedenstag die Rede. Am 1. Januar feiert die Kirche das „Hochfest der Gottesmutter Maria“. Die Verantwortlichen bei der Kalenderreform nach dem II. Vatikanischen Konzil fanden es offensichtlich sinnvoll, eine entsprechende Tradition aufzugreifen, die es in einzelnen Kirchen schon im 8. Jahrhundert gegeben hat. Dass Weihnachten, die Geburt Christi, nicht ohne Maria gedacht und gefeiert werden kann, legte möglicherweise diesen Akzent nahe, auch wenn wohl die wenigsten den Neujahrstag als Marienfest erleben. 

Der 1. Januar als Oktavtag von Weihnachten  

Aber dass der 1. Januar ein kirchliches Fest ist, liegt auf andere Weise in seinem Bezug zum Weihnachtsfest begründet. Der 1. Januar ist der „Oktavtag von Weihnachten“, wie auch weiterhin in den liturgischen Kalendern und Büchern vermerkt ist: Oktavtag (von lateinisch octavus = der Achte) von Weihnachten, das ist der achte Tag nach dem Geburtsfest Christi und damit das festliche Ende der Weihnachtswoche, der sogenannten Weihnachtsoktav, die auch in der Liturgie ihren ganz besonderen Glanz hat. 

Das Evangelium an diesem Oktavtag ist wie in der Messe am Weihnachtsmorgen die Erzählung von der Anbetung der Hirten (Lk 2,16-20), jetzt allerdings ergänzt um den Satz, der sich auf diesen Tag bezieht: 

„Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.“ (Lk 2,21) 

Jesu Name ist Programm 

Damit aber treffen wir auf zwei weitere Motive. Der Name „Jesus“ wird herausgestellt, denn er ist ein Programm: „Gott (Jahwe) rettet.“ Auf diese Bedeutung macht der Engel aufmerksam, der nach dem Evangelisten Matthäus Josef im Traum erscheint und ihm sagt: „Maria wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21). Die Verehrung des Namens Jesu, die in bestimmten Bereichen der Volksfrömmigkeit lebendig geblieben ist, steht natürlich mit dem Oktavtag von Weihnachten in organischer Verbindung, weshalb bei der Kalenderreform 1970 das Fest „Heiligster Name Jesu“ entfallen war. Seit 2002 gibt es aber am 3. Januar wieder einen nichtgebotenen Gedenktag unter diesem Titel. Weil das neue Jahr ein Jahr mit Jesus ist, dürfen wir vertrauen: Gott hilft und rettet.  

Jesu Beschneidung erinnert uns an die jüdischen Wurzeln des Christentums 

Damit aber sind wir bei dem Motiv, das in vielen nichtrömischen Traditionen am Oktavtag von Weihnachten stärker im Blick ist, bei uns aber durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient: Jesus, den wir als Sohn Gottes bekennen, ist am achten Tag beschnitten worden. Überdeutlich wird hier, dass Jesus Jude war. Denn die Beschneidung ist ein klares Bekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Sie ist für das Judentum identitätsstiftend und kann – wie unsere christliche Taufe – nicht zurückgenommen werden und ist endgültig. Sie ist nicht irgendein religiöser Brauch oder Ritus, sondern das nach Gen 17,10-12 von Gott dem Stammvater Abraham aufgetragene Bundeszeichen. 

Die kurze Bemerkung in Lk 2,21 von der Beschneidung Jesu erinnert uns wie wenige andere Erzählungen in großer Intensität an das Jude-Sein Jesu, so dass ein „Fest der Beschneidung des Herrn“ durchaus einen Platz unter den Festen haben könnte, die an die Lebensereignisse Jesu erinnern. Aber entscheidend ist nicht, ob ein solches Fest gefeiert wird, sondern dass wir als Christen unsere grundlegende Wurzel im Judentum nicht verdrängen, sondern annehmen und wertschätzen. Der Gott, der uns in Jesus Christus nahekommt, ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sich dem Mose am brennenden Dornbusch als „Jahwe“ offenbart hat. 

Die Versuche, radikaler und fanatischer Israelis, den Christen im Heiligen Land das Leben schwer zu machen und ihre Präsenz in Jerusalem zu verringern, werden zu Recht vom Lateinischen Patriarchat beklagt. Aber diese Kritik an Aktionen einzelner israelischer Gruppen oder an der Untätigkeit staatlicher Behörden ist kein Antisemitismus, sondern gerade von dem Wunsch beseelt, friedlich und im Dialog mit unseren älteren Brüdern und Schwestern zu leben. Pius XII. wird das Wort zugeschrieben: „Wir Christen sind auch Juden.“ Damit soll das Volk Israel nicht enteignet oder enterbt, aber unsere untrennbare Verbindung zu der Offenbarung dieses Volkes und zum Juden Jesus in Erinnerung gerufen werden. 

Manche Damen und Ritter des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem wären vielleicht gerne in diesen weihnachtlichen Tagen in Betlehem an der Krippe oder auf den Hirtenfeldern. Wer vor der Motivfülle des Jahresanfangs nicht kapituliert, kann einen Blick auf den Knaben Jesus werfen, der heute, wie es das Gesetz vorschreibt, beschnitten wird, und dabei beten: 

„Gott Abrahams, du hast Abraham aufgrund seines Glaubens zum Vater vieler Völker gemacht, aus seiner Nachkommenschaft hast du uns Jesus geschenkt, deinen geliebten Sohn. Er hat in der Beschneidung das Bundeszeichen deines ersterwählten Volkes empfangen und den Namen Jesus erhalten: denn er ist es, der sein Volk von seinen Sünden erlöst. Durch ihn dürfen auch wir eintreten in deinen ewigen Bund und Miterben sein an der Verheißung kommender Herrlichkeit. 

Gib uns die Gnade, in geschwisterlicher Verbundenheit mit Israel und allen Gottesfürchtigen (auch im Neuen Jahr) dir immer näher zu kommen, damit dein Name gepriesen sei heute und alle Tage und in Ewigkeit.“  

(Gebetstext aus: Albert Gerhards, Ein erneuertes Fest Beschneidung des Herrn? Liturgie-praktische Erwägungen, in: Die Beschneidung Jesu. Was sie Juden und Christen heute bedeutet, hg. v. Jan-Heiner Tück, Freiburg i. Br. 2020, 186 - 199, hier 195 f.) 

Cfr. Prof. Dr. Winfried Haunerland, Geistlicher Zeremoniar der Deutschen Statthalterei 

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