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Im Gespräch mit Pater Nikodemus Schnabel, dem neuen Patriarchatsvikar in Jerusalem

Patriarchatsvikar Cfr. Pater Nikodemus Schnabel (c) oessh.net

Der Statthalter der Deutschen Statthalterei, S.E. Cfr. Dr. Michael Schnieders, und die Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission, Csr. Cornelia Kimberger, sprachen in einer Online-Sitzung mit Patriarchatsvikar Cfr. Pater Nikodemus Schnabel.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn Cfr. Schnabel hat gerade erst sein neues Büro in Westjerusalem bezogen, und zwar auf dem Gelände der Borromäerinnen. Pater Nikodemus wurde im Juli von S.E. Patriarch Pierbattista Pizzaballa zum Patriarchatsvikar des Vikariats für Migranten, Asylanten und Flüchtlinge (VMAS) in Jerusalem und Tel Aviv ernannt. Zu dem Vikariat gehören u. a. das St. Rahel Zentrum in Jerusalem und das "Our Lady Woman of Valor"-Zentrum in Tel Aviv.

Cfr. Schnabel ist der Nachfolger von Fr. Rafic Nahra, der nun Patriarchatsvikar in Nazareth ist. Seit September ist Pater Nikodemus wieder zurück im Heiligen Land. 

Wie geht es dir, lieber Pater Nikodemus? 

Bei mir im Vikariat ist es ganz schön turbulent. Aber ich freue mich, dass ich seit heute ein eigenes Büro habe und mir nun auch einige Menschen als Mitarbeiterstab zur Seite stehen. Ich habe eine persönliche Assistentin, eine deutsche Benediktinerin, Sr. Gabriele Benka. Pater Christoph kümmert sich um die rumänische Gemeinde, eine Schwester um die indische Gemeinde. Und zum Glück habe ich nun auch jemanden, der sich um die Verwaltung kümmert.  

In Deinem Vikariat musst du dich ja um viele Menschen kümmern... 

Ja, es ist das größte Vikariat des Lateinischen Patriarchats, wenn es um die Anzahl der Gläubigen geht: 100.000 Menschen mit legalem Status gehören ihm an. Ich kümmere mich mit meinem Team allerdings auch um 20.000 abgelehnte Flüchtlinge, um 30.000 illegal hier lebende Migranten und Flüchtlinge sowie um 60.000 Menschen aus der Ukraine, die nach Israel gereist und nicht mehr zurück in ihre Heimat geflogen sind.  

Aus welchen Ländern kommen die dir anvertrauten Menschen? 

Das Lateinische Patriarchat sorgt sich bereits seit 2011 um die vielen katholischen Arbeitsmigranten von den Philippinen, aus Indien und Afrika, aus Sri Lanka, Lateinamerika und Osteuropa, außerdem betreut es Asyl suchende Katholiken aus Eritrea und dem Sudan. Seit 2018 werden diese in einem eigenen Vikariat betreut, dem VMAS. Die Hebräisch sprechende Gemeinde St. James umfasst ca. 1.000 Gläubige. Das sind einige hundert Hebräisch sprechende lateinische Christen und ungefähr 100 Russisch sprechende Katholiken. Die größten ethnischen Gruppen sind 40.000 Katholiken von den Philippinen und Indien, gefolgt von rund 13.000 Sri Lankern.  

Wie feiert Ihr in eurem Vikariat Gottesdienste?  

Das Vikariat präsentiert die bunte katholische Welt: Wir zelebrieren neben dem lateinischen Ritus u. a. mit den indischen Migranten in 17 Gemeinden den syromalabarischen Ritus. Dieser Ritus ist den „Thoimas-Christen“ zuzuordnen. Die Christen der ukrainisch-griechisch-katholischen Kirche feiern den byzantinischen Ritus, die Äthiopier und Eritreer den Ge‘ez-Ritus und die Afrikaner in französischer oder englischer Sprache. Die verschiedenen Riten zelebrieren Priester aus den jeweiligen Heimatländern der Migranten und Asylanten, die dem Vikariat angehören. 

Wo finden die Gottesdienste statt? 

Im Süden von Tel Aviv finden im Zentrum „Our Lady of Valour“ an Freitagen und Samstagen 13 Gottesdienste in diesen verschiedenen Riten statt, und die Kirche ist immer voll. Eigentlich passen nur 300 in diese zur Kirche umgebaute Garage. Aber oft stehen dann noch 200 im Hof davor und feiern den Gottesdienst von dort aus mit. Wir haben für die einzelnen Riten auch Turnhallen, Basketballhallen und Gemeindehallen angemietet, und das kostet Geld!  

Sind die Gottesdienste auch in Zeiten von Corona voll? 

Ich würde behaupten, dass ohne Corona noch viel mehr Gläubige zu den Gottesdiensten kommen würden. Wir sind eigentlich im Moment im „Corona-Schlaf“.  Wir halten so weit wie möglich Abstand und tragen alle Masken. Aber gesungen wird trotzdem! Große Gottesdienste werden oft im Freien gefeiert.   

Sind alle Migranten, Asylanten und Flüchtlinge, die zu euch kommen, Katholiken? 

Es fällt zum Beispiel auf, dass Gläubige aus Sri Lanka nur zögerlich zur Kommunion gehen. Daher nehmen wir an, dass unter ihnen sehr viele buddhistischen Glaubens sind. Unter den Indern sind auch viele Hindus, die zu uns kommen. Die Gottesdienstbesucher aus Eritrea sind alle katholisch, die aus Äthiopien sind meist orthodox und feiern im Ge‘ez Ritus, den wir ja auch anbieten. Wir machen keinen Unterschied, ob jemand katholisch oder orthodox ist.   

Wie geht es den Migranten und Asylanten in Israel? 

Diese Menschen fühlen sich nicht als Teil der Gesellschaft Israels. Sie fühlen sich geduldet. Sie arbeiten in Berufen, die ansonsten nur schwer zu besetzen sind, zum Beispiel in der Pflege, als Haushaltshilfen, in der Gastronomie, als Reinigungskräfte… Sie wohnen zum größten Teil sehr armselig.

Von der israelischen Gesellschaft werden sie ansonsten nicht wahrgenommen. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, ihnen einen Ort zu geben, wo sie das Gefühl haben: Hier sind wir daheim! Das geschieht im Gottesdienst und danach, wenn man miteinander isst, miteinander feiert.

Heimat geben ist die Aufgabe der Kirche von Jerusalem, in die als Mutterkirche und uralter Pilgerort alle gehören, und in der sich alle zu Hause fühlen sollen. Immer wieder betone ich den Migranten gegenüber, dass auch ich ein Migrant bin und dieselbe Taufe wie sie erhalten habe.   

Wie ist das Verhältnis zwischen der Ortskirche und dem Vikariat für Migranten und Asylanten? 

Die Christen aus meinem Vikariat sind eigentlich in der Gesellschaft die „unsichtbaren Christen“. Sie feiern ihre Gottesdienste an Freitagen und Samstagen, dann, wenn in Israel das „Wochenende“ ist. Ihre Prozessionen, zum Beispiel die zum Palmsonntag, findet an einem anderen Tag statt als die der Ortskirche, da am Sonntag für sie ein regulärer Arbeitstag ist.

Zum ersten Mal haben wir es in diesem Jahr geschafft, dass das Fest „Maria, Königin von Palästina“ an einem Samstag stattfinden konnte. Zuerst gab es dagegen Einwände, denn am Samstag ist in den LPJ-Schulen in Israel Unterricht. Kurzerhand hat der Patriarch diesen Samstag für schulfrei erklärt, und somit konnten alle nach Deir Rafat und dieses wunderbare Fest zu Ehren unserer Königin von Palästina gemeinsam feiern. Der Patriarch ist der größte Unterstützer der Menschen in meinem Vikariat. 

Sind die Migranten und Asylanten gegen das Corona-Virus geimpft? 

Jedem Bewohner Israels wird eine Impfung angeboten, und die meisten der Gläubigen unseres Vikariats sind geimpft. Auch illegal im Land befindliche Menschen können sich impfen lassen. Der Staat Israel möchte sich schützen. 

Welche Aufgaben siehst du für deine Arbeit im Vikariat? 

Meine Kirche ist eine Kirche auf Zeit. Der Staat Israel sagt, dass diese Kinder nicht zur israelischen Gesellschaft gehören. Sie werden als ein riesiges Problem angesehen. Die Kinder der Migranten müssen nach Abschluss der Schule nach israelischem Recht in die Heimatländer ihrer Eltern zurück. Sie sind allerdings in Israel geboren und kennen ihre „wahre“ Heimat nicht. So ist es wichtig, ihnen ihre Wurzeln zu vermitteln. Ich stelle mir vor, ihnen ihre Heimat näherzubringen, indem wir ihnen muttersprachlichen Unterricht anbieten und die Landeskunde ihrer Herkunftsfamilie vermitteln. Ich möchte sie fit machen für ihr weiteres Leben.

Eine andere große Aufgabe ist es auch, ihnen den christlichen Glauben und das Judentum näherzubringen. Bis vor kurzem noch konnten die Kinder der philippinischen Migranten in Israel bleiben. Nach der Schule gingen sie zum israelischen Militär und gehörten damit zur israelischen Gesellschaft. Das ist nun vorbei. Inder, Afrikaner und Migranten aus Sri Lanka schicken ihre Kinder bereits im Alter von 5 Jahren zurück in ihre Heimat. Außerdem ist es mir wichtig, dass alle Ausländer, die nach Israel kommen, bei uns im Vikariat ein Stück Heimat finden. 

Wie geht es den Babys der Migranten? 

Wir betreuen im Moment 91 Babys in Kleingruppen in Tel Aviv und Jerusalem. Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen ist sehr hoch. Allerdings können wir im Moment unsere Kapazitäten nicht erhöhen.  

Lieber Pater Nikodemus, wir wünschen dir viel Kraft, Elan und Gottes reichen Segen für deine vielfältigen Aufgaben zum Wohle der Ärmsten der Armen in Israel. 

Cornelia Kimberger, Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission 

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