Aktuelles aus unserem Orden

Geistlicher Impuls zum 4. Februar, dem Internationalen Tag der Geschwisterlichkeit aller Menschen 

Kaum jemand dürfte einen wirklichen Überblick über die thematisch geprägten Jahrestage haben. Denn sowohl die Kirchen und Religionsgemeinschaften als auch die internationalen Organisationen haben eine Tendenz, für jedes wichtige Anliegen solche Thementage im Jahreslauf zu kreieren (vgl. z. B. die keinesfalls vollständige Liste bei de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Gedenk-_und_Aktionstagen). Und es wäre weder möglich noch sinnvoll, alle diese Anliegen Jahr für Jahr aufzugreifen. Aber unter den vielen thematischen Gedenk- und Jahrestagen gibt es doch einige, die uns an wichtige Anliegen erinnern und es wert sind, zumindest von Zeit zu Zeit bedacht zu werden. Zu diesen kann man den „Internationalen Tag der Geschwisterlichkeit aller Menschen“ am 4. Februar rechnen, dessen Datum und Anliegen eng mit einem religiösen Ereignis ganz besonderer Art zusammenhängen. 

Denn in Abu Dhabi haben am 4. Februar 2019 Papst Franziskus und der Großimam von Al-Azhar Ahmad Al-Tayyeb das gemeinsame „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterschrieben (https://www.vatican.va/content/francesco/de/travels/2019/outside/documents/papa-francesco_20190204_documento-fratellanza-umana.html). Schon allein die Tatsache einer gemeinsamen Äußerung von katholischer Kirche und einem ranghohen Vertreter des sunnitischen Islams ist beachtenswert. Noch überraschender aber war es, dass die Vereinten Nationen knapp zwei Jahre später, im Dezember 2020, in Erinnerung an diese Begegnung von Papst und Großimam und an ihr gemeinsames Dokument den 4. Februar zum „Internationalen Tag der Geschwisterlichkeit aller Menschen“ erklärt haben. In diesem Jahr wird er also zum zweiten Mal begangen und kann ein Anlass sein, das Anliegen von Papst und Großimam in Erinnerung zu rufen und es im Licht des besonderen Charismas unserer Ordensgemeinschaft zu betrachten. 

Dialog als Weg zur Geschwisterlichkeit  

Die Basis für die Erklärung von Papst und Großimam ist ihre Überzeugung, dass die Religionen und sie als religiöse Führer der Welt etwas zu sagen haben. Dabei stehen sie nicht nur der Welt gegenüber, sondern wissen durchaus, dass auch die Religionen einen Beitrag zu manchen problematischen Entwicklungen geleistet haben. Sie hoffen, dass sie mit ihrer Erklärung einen Beitrag „zur Versöhnung und zur Brüderlichkeit unter allen Glaubenden, besser noch unter Glaubenden und Nichtglaubenden sowie unter allen Menschen guten Willens“ leisten können. Das eigentliche Ziel, das die beiden Religionsführer treibt, ist ein universaler Friede, „den alle Menschen in diesem Leben genießen können“. 

Grundlegend ist, dass Franziskus und Ahmad Al-Tayyeb nicht bei den Unterschieden zwischen Christentum und Islam ansetzen, die es natürlich gibt, sondern dass sie von dem ausgehen, was sie eint: der Glaube „an Gott und an die endgültige Begegnung mit ihm und an sein Gericht“. Als Dialog unter Gläubigen verstehen sie, „sich im enormen Raum der gemeinsamen geistlichen, menschlichen und gesellschaftlichen Werte zu begegnen und diese zugunsten der höchsten moralischen Tugenden einzusetzen, die von den Religionen erweckt werden; er bedeutet auch, die unnützen Diskussionen zu vermeiden.“ Ausdrücklich sehen sie in allen Menschen Brüder und Schwestern, die Gott als ihren Vater haben. Das Dokument belegt auf seine Weise, dass die Religionsführer nicht nur Dialog fordern und über Dialog reden, sondern selbst einen Dialog geführt haben, dessen Früchte sie hier vorlegen. 

Papst und Großimam beklagen ein betäubtes menschliches Gewissen, eine Entfremdung von religiösen Werten, eine Dominanz des Individualismus und materialistischer Philosophien, den Verfall der Ethik und Extremismus in vielen Bereichen, nicht zuletzt die trügerische Flucht in religiösen Fundamentalismus. Diesen Tendenzen stellen sie das gegenüber, das zu stärken ist: Dazu gehören Friede, Freiheit (auch Religionsfreiheit) und Gerechtigkeit für alle Menschen. Ausdrücklich erwähnen sie Frauenrechte und die notwendigen Rechte für Kinder und ältere Menschen, aber auch gleiche Rechte und Pflichten für alle Bürger eines Landes. Jede Form der Instrumentalisierung der Religionen für Gewalt und Krieg lehnen sie ab. 

Geschwisterlichkeit aller Menschen als eine Utopie  

Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick auf das Zusammenleben in unserem Land. Was muss geschehen, dass wir mit einer ähnlichen Wertschätzung Menschen anderer Religionen begegnen können? Wie können wir gleichzeitig religiösen Fundamentalismus und die damit verbundene Gefahr von Gewalt bis hin zum Staatsterrorismus entschieden zurückweisen und bekämpfen und dennoch nicht alle Gläubigen bestimmter Religionen unter einen Generalverdacht stellen? 

Noch schwieriger werden diese Fragen, wenn wir in das Heilige Land schauen und auf manche Menschen dort, die mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen in den Menschen anderer Religionen nicht zuerst Brüder und Schwestern sehen, sondern mögliche Aggressoren, Terroristen oder Gegner, die das eigenen Lebensrecht mit Füßen treten und gefährden. Wird die Rede von der Geschwisterlichkeit aller Menschen hier nicht so utopisch, dass schon dieser Traum nur auf der Basis massiver Realitätsverweigerung denkbar ist? 

Förderung der Geschwisterlichkeit im Heiligen Land  

Hier scheint es mir wichtig zu sein, die kleinen Pflänzchen der Geschwisterlichkeit nicht zu übersehen, sondern zu stärken. Wenn wir als Ritterorden Schulen im Heiligen Land fördern, fördern wir gerade nicht nur die Katholiken vor Ort, sondern auch einen Raum, in dem Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Religionen möglich sind. Im St. Louis-Hospiz vor den Toren der Altstadt von Jerusalem werden Juden, Christen und Muslime in gleicher Weise gepflegt und ihre verschiedenen religiösen Traditionen aktiv respektiert. Das Caritas Baby Hospital in Bethlehem fragt nicht nach der Religion und Konfession der kranken Kinder. Die dringend notwendige humanitäre Hilfe wie jüngst durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie kennt ebenfalls keine konfessionellen Grenzen. 

Nun kann man den Briefen des Apostel Paulus entnehmen, dass er sich in vielen seiner Gemeinden für die Kollekte zugunsten der Christen in Jerusalem einsetzt. In Röm 12,13 mahnt er: „Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind“ – und Paulus meint mit den Heiligen natürlich die in der Taufe geheiligten Glieder der Kirche. In Gal 6,10 heißt es: „Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen!“  

Vor dem Hintergrund dieser Aussagen in der Heiligen Schrift und in der nüchternen Erkenntnis, dass ich doch nicht allen helfen kann, habe ich es lange Zeit für unproblematisch gehalten, meine finanzielle Solidarität auf Mitchristen und vor allem auf andere katholische Christen zu konzentrieren. Mit unserem Engagement für die Christen im Heiligen Land und vor allem für die Mitkatholiken im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem setzen wir in gewisser Weise ja auch einen solchen Akzent.  

Aber ich habe lernen müssen, dass diese Form von „positiver Diskriminierung“ für das Zusammenleben und damit für Frieden und Solidarität unter den Menschen gefährlich sein kann. Deshalb ist es gut, wenn wir als Ordensgemeinschaft unsere Kreise nicht zu eng ziehen. Oder anders gesagt: Wir helfen den Christen im Heiligen Land und dem friedlichen Leben in einer zerrissenen Welt gerade auch dann, wenn wir die Not ihrer Nachbarn nicht übersehen. 

Cfr. Prof. Dr. Winfried Haunerland, Geistlicher Zeremoniar der deutschen Statthalterei  

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