Aktuelles aus unserem Orden

Geistlicher Impuls anlässlich der Amtsträgertagung am 19. Februar 2022

Liebe Consorores und Confratres,

mittlerweile ist es zwei Jahre her, dass wir uns im Kreis der Amtsträgerinnen und Amtsträger in Köln getroffen haben. Auch viele sonstige Begegnungen sind weitgehend ausgefallen, weil wir uns in den vergangenen Jahren bei den Investituren, die stattgefunden haben, nicht im großen Kreis versammeln konnten. Die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben auch für unsern Orden und unser Miteinander Konsequenzen gehabt.

Das ist für unsere Gemeinschaft und auch für uns Amtsträgerinnen und Amtsträger schon bedauernswert. Allerdings habe ich den Eindruck, dass dies gerade in diesen Jahren noch einmal eine besondere Herausforderung ist. Denn die aktuellen Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft betreffen na-türlich direkt oder indirekt auch unsere Ordensgemeinschaft. Ich erinnere nur an die Dynamik, von der wir gerade in den letzten beiden Jahren durch all das betroffen sind, was meist unter dem Schlagwort „Missbrauchsskandal“ zusammengefasst wird. Unmittelbar nach Veröffentlichung der MHG-Studie haben wir 2018 bei der Kapitelsitzung in Paderborn für die Opfer von sexu-ellem Missbrauch gebetet. Seither ist für alle unübersehbar, dass Gewalt so-wie sexueller und geistlicher Missbrauch zum Leben unserer Kirche gehört haben und dass viele Menschen verletzt wurden, die anschließend mit ihren Wunden und Traumata allein geblieben sind und ausgegrenzt wurden. Die weiteren Untersuchungsberichte und Gutachten, die seither erschienen sind und auch in den nächsten Monaten und Jahren noch erscheinen werden, sind natürlich für die Betroffenen wichtig und erhellen einzelne Situationen und Fälle, bringen in der Struktur des Geschehens aber vermutlich wenig Neues. Doch sie halten die Erinnerung an die Verbrechen lebendig. Sie werden die Gesellschaft wie auch uns immer neu darauf aufmerksam machen, dass die Verantwortlichen in der Kirche nicht oder falsch reagiert haben und dass die kirchliche Gemeinschaft insgesamt angesichts der damit verbundenen Her-ausforderungen über Jahrzehnte hinweg sich überfordert gezeigt und versagt hat. Gerade weil wir bekennen, dass wir Teil der Kirche sind, müssen wir diese Fakten anerkennen und dürfen hier nichts beschönigen.

Gleichzeitig aber wächst bei vielen der Eindruck, dass die mediale Diskussi-on, ja selbst offizielle Gutachten und Stellungnahmen nicht von Objektivität und Fairness geprägt sind. Das Unrecht, das in der Vergangenheit geschehen ist und oftmals nicht gesühnt wurde, wird nun des Öfteren zum Ausgangs-punkt neuer pauschaler Verdächtigungen, Unterstellungen oder Urteile, ge-gen die Verteidigung nicht möglich ist. Denn auch wenn auf rechtlicher Ebe-ne vieles offenbleibt, scheint das moralische Urteil längst gesprochen zu sein. Von daher drängt sich die Frage auf, wie wir als Ordensgemeinschaft, auch als päpstlicher Orden damit umgehen. Nicht zuletzt die Angriffe auf den emeritierten Papst Benedikt XVI. führen bei einigen Mitgliedern zu der Er-wartung, ein päpstlicher Orden müsse mit ihm solidarisch sein und ein deut-liches Zeichen setzen. Parteiische und diffamierende Verkürzungen und über-zogene Angriffe machen manche geradezu wütend und lassen fragen: Müssen wir uns als Katholiken alles gefallen lassen? Vielleicht wächst bei Einzelnen aber auch die Befürchtung, dass ihre eigene Beheimatung in der Kirche und ihre bisher selbstverständliche Liebe zur Kirche langfristig gefährdet ist.

Eng mit dem Missbrauchsskandal verbunden sind darüber hinaus die Fragen nach der Zukunft der Kirche. Der Synodale Weg, den die DBK und das Zent-ralkomitee der deutschen Katholiken initiiert haben, ist der Versuch, den Er-neuerungsbedarf der Kirche insgesamt, aber besonders mögliche Reformen der Kirche in Deutschland gemeinsam zu identifizieren und anzugehen. Dis-kussionskultur, Reformvorschläge und Beschlüsse werfen dabei viele Fragen auf, nicht zuletzt, weil manches, was bisher katholisch kaum denkbar war, jetzt sogar mit bischöflicher Unterstützung vorangetrieben und beschlossen wird. Die pandemiebedingten Beschränkungen haben sicher dazu beigetragen – so mein Eindruck, dass es innerhalb unseres Ordens bisher oft keine nach-haltige Auseinandersetzung mit den auf dem Synodalen Weg aufgeworfenen Fragen gegeben hat. Dabei bin ich sicher: Auch innerhalb unserer Gemein-schaft gibt es – wie in der deutschen Kirche insgesamt – eine große Bandbrei-te an Meinungen. Da wird es manche geben, die vor allem die Identität der katholischen Kirche in Gefahr sehen, und andere, die nur weitgehende und einschneidende Reformen als letzte Chance betrachten, die Zukunftsfähigkeit der Kirche zu sichern. Viele von uns werden vielleicht nicht einmal genau sagen können, wo sie sich selbst in dieser Gemengelage verorten.

Welche Möglichkeiten haben wir als Ordensgemeinschaft in dieser Situation? Manche Ordensmitglieder erwarten, dass wir mit klaren Botschaften und Po-sitionierungen an die Öffentlichkeit treten. Entsprechende Anfragen haben ich in den letzten Wochen mehrfach gehört. Ich bin allerdings sehr skeptisch, ob wir damit der Kirche und der Gesellschaft einen wirklichen Dienst tun können. Denn die mediale Diskussion ist aufgeheizt genug. Auch uns wird es kaum gelingen, einen Beitrag zur Versachlichung zu leisten.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns innerhalb unserer Ordensgemeinschaft, also zuerst in unseren Komtureien, aber auch bei anderen Begegnungen und Ordensveranstaltungen, gegenseitig in dieser schwierigen und verunsichern-den Zeit unterstützen. Dabei möchte ich auf zwei Möglichkeiten hinweisen, damit wir nicht selbst sprachlos werden, uns zurückziehen und mutlos wer-den.

1.    Wir dürfen weder den Missbrauchsskandal noch den massiven Ver-trauensverlust der Kirche schönreden. Aber es gilt wahrzunehmen, dass die irritierenden Entwicklungen nicht die Mitte der Kirche sind. Sie sind uns heute aufgegeben und können und dürfen nicht ausge-blendet werden. Aber die Mitte der Kirche bleibt Jesus Christus. Wir können Tag für Tag fragen, wo etwas schiefgelaufen ist und weiterhin schiefläuft. Aber wir dürfen und sollen auch fragen: Wo erfahren wir denn, dass unser Leben auf Jesus Christus ausgerichtet bleibt? Wo spüren wir, dass das Evangelium nicht nur eine schöne Idee ist? Wo stützen wir uns gegenseitig in unserem Glaubensleben, in den Heraus-forderungen des Alltags?
Bei aller Wertschätzung der verschiedenen Päpste der letzten Jahrzehn-te: Sie bleiben Menschen mit Grenzen und Fehlern. Lumen gentium, das Licht der Völker, von dem die Kirchenkonstitution des II. Vatika-nischen Konzils spricht, ist Christus, also weder die Kirche, noch ir-gendein Papst, auch wenn er heiligmäßig oder heilig wäre. Wer in den Päpsten die Leuchtfeuer seines Lebens sieht, muss notwendigerweise enttäuscht werden. Das wahre Licht, dass alle Welt erleuchtet, sind nicht die Heiligen, sind auch nicht große Päpste. Das wahre Licht, das alle Welt erleuchtet, ist Jesus Christus allein.
Insofern geht es nie nur um die Kirche. Die Kirche ist ein Sakrament, ein Instrument, ein Hilfsmittel. Das soll möglichst gut sein und braucht deshalb auch Reformen. Aber die Kirche, auch unsere Ordensgemein-schaft, ist kein Selbstzweck. Ihre Aufgabe ist es, an Jesus Christus zu erinnern. In dieser Aufgabe ist die Kirche aufs Ganze gesehen auch un-ersetzlich – trotz aller Fehler und Grenzen. Insofern wäre nichts ge-wonnen, sondern vieles gefährdet, wenn die Kirche ersatzlos von der Bühne der Geschichte verschwände. Wir nehmen die Kirche, ihren Auftrag und unsere Berufung dann ernst, wenn wir versuchen, mitei-nander den Blick auf Jesus Christus, auf sein Evangelium und auf das Reich Gottes zu richten. Unsere Komtureien und Ordensveranstaltun-gen können und sollen Orte sein, in denen wir diese Perspektive pfle-gen, vertiefen und lebendig halten. Stärken wir uns gegenseitig im Glauben, indem wir nach dieser Mitte fragen und nicht nur auf die Grenzen und das Versagen der Kirche, ihrer Amtsträger und aller Ge-tauften schauen. Gerade in unserem Miteinander als Ordensgemein-schaft, in unseren Gottesdiensten, aber auch in einem wertschätzenden Austausch bei unseren Komtureitreffen, können wir entdecken, dass der gemeinsame Glaube an Jesus Christus und sein Evangelium die entscheidende Basis unserer Ordensgemeinschaft ist. Dann aber kann es auch gelingen, unterschiedliche Einschätzungen in den kirchenpoliti-schen Fragen zu ertragen, ja vielleicht sogar als heilsame Anfragen an meine eigenen Positionen und Erwartungen anzunehmen. 

2.    Ein Zweites: Ich habe gesagt, dass ich wenig von öffentlichen Erklä-rungen halte, wenn diese nicht zu größerer Nüchternheit und Fairness und zum Wachstum des Glaubens beitragen können. Heißt das, dass wir verstummen müssen? Keinesfalls. Denn auch wenn wir nicht öf-fentlich reden, müssen wir nicht schweigen. Wir können einerseits mit-einander sprechen und uns so gegenseitig stärken und ermutigen, wie ich es gerade ausgeführt habe. Vor allem aber können wir das, was uns bewegt, vor Gott bringen. Gebet ist nicht Flucht aus dem Alltag, son-dern der Weg, wie wir unseren Alltag vor Gott tragen und in seine Hände legen können. Damit aber öffnen wir uns und unseren Alltag im Glauben bewusst für jene Wirklichkeit, die diese Welt übersteigt.

  • Gebet kann Klage sein, weil auch wir überfordert sind mit der Komplexität dessen, was wir beobachten und gerne verändern würden. 
  • Gebet kann voll Trauer sein, weil wir auf die Opfer sehen, vielleicht auch auf Menschen, die möglicherweise zu Unrecht angeklagt wer-den, oder auch auf uns selbst, wenn wir zu Adressaten der Kir-chenkritik werden. 
  • Gebet kann Fürbitte für jene sein, denen wir nicht Gerechtigkeit verschaffen können. 
  • Gebet kann Bitte sein, dass unser Glaube nicht schwach wird. 
  • Gebet kann voll Hoffnung sein, dass die Verwirrungen der Gegen-wart nicht das Letzte sein werden. 
  • Und sogar in schwierigen und bedrückenden Situationen wie heute kann unser Gebet zum Dank werden, weil wir uns mitten in den chaotischen und irritierenden Erfahrungen unserer Tage sicher sein dürfen: Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Er bleibt auch dann zuverlässig, wenn sich manches, auf das wir uns bisher verlassen haben, als nicht tragfähig erweist.

In diesem Vertrauen lasst uns beten!

Herr Jesus Christus, du bist das Licht der Völker, dich hat der Vater gesandt, damit die Welt das Heil findet, das Gott ihr bereiten will. Du hast uns in deine Kirche gerufen, damit wir Zeugnis geben von dir und dem Evangelium und damit so inmitten dieser Welt die Botschaft vom Reich Gottes nicht verstummt.
Wir aber müssen schmerzlich erleben, dass deine Kirche ihrer hohen Berufung nicht immer gerecht wird. Wo Heil und Frieden aufstrahlen sollen, erleben Menschen Missbrauch und Gewalt. Wo Gerechtigkeit und Freiheit aufbrechen sollen, gibt es Manipulation und Machtmissbrauch. Wo Wehrlose auf Schutz und Heilung hoffen, bleiben sie oftmals isoliert und fühlen sich ausgegrenzt.

Jesus, du Haupt deiner Kirche, sieh auf deine Kirche. Sieh auf die Menschen, die verwundet und durch die Verbrechen und das Versagen der Kirche und ihrer Verantwortlichen gezeichnet und um Lebensperspektiven gebracht wur-den. Sieh auf die Menschen, die an deiner Kirche verzweifeln und die durch das Versagen der Kirche den Zugang zu dir und deinem Evangelium verlie-ren. Sieh auch auf uns, die wir mit Trauer und Wut, mit Ärger oder Resignati-on erkennen müssen, dass vieles, was uns unvorstellbar erschien, in unserer Kirche geschehen ist und ihr Leben und das Leben der Menschen weiterhin gefährdet.

Jesus, Freund der Armen und Notleidenden, wir spüren, dass wir mit vielem überfordert sind. Wir sehen das Leid der Menschen und hoffen auf einen Neu-anfang, ohne zu wissen, wie die Vergangenheit geheilt werden kann. Demütig empfehlen wir dir die Menschen, denen wir kaum gerecht werden können. Wir bitten dich für alle Opfer von Gewalt in Kirche und Gesellschaft. Wir bitten dich aber vor allem für die Opfer von sexuellem und geistlichem Missbrauch in unserer Kirche. Sie haben auf ihre Schwestern und Brüder im Glauben gehofft und sind enttäuscht worden. Wir bitten dich für alle, die durch das Geschehen der Vergangenheit, aber auch durch die Diskussionen und Prozesse der Ge-genwart in ihrem Vertrauen auf dich erschüttert sind. Lass sie spüren, dass du ihnen nahe bist und dass sie gehalten sind, auch dort, wo sie menschlich al-lein bleiben. Heile die Wunden, die wir nicht heilen können. Wasch ab die Tränen, die wir nicht trocknen können. Gib Kraft und Zuversicht, wo wir mit unseren Möglichkeiten nichts erreichen.

Jesus, du Trost der Betrübten, erbarme dich auch über uns. Denn auch wir sind des Trostes und der Heilung bedürftig. Auch wir sind verletzt. Auch wir müssen uns fragen, wo wir versagt haben oder heute versagen. Auch wir müs-sen erkennen, dass wir unserer Berufung nie ganz gerecht werden. Wir bleiben Sünder, die auf deine Barmherzigkeit angewiesen sind. Wir bleiben Pilger, die immer wieder müde werden und Stärkung brauchen. Wir bleiben Suchende, die dich kennen und doch immer neu entdecken müssen. Tröste und stärke uns. Zeig uns den Weg, den wir heute gehen sollen. Gib uns die rechte Einsicht und die Kraft, das, was wir erkennen, auch zu tun.

Jesus, Heiland und Erlöser, nicht wir müssen die Welt retten. Wahre Heilung und wahres Heil, wirkliche Rettung und unzerstörbare Zukunft kommen allein von dir. Stärke uns in diesem Glauben, auch wenn wir angefochten sind. Gib uns Kraft, diesen Glauben zu bezeugen – als Glieder der Kirche, als Mitglie-der des Ritterordens vom Heiligen Grab, als deine Brüder und Schwestern, die in der Taufe vom Vater als Kinder angenommen wurden. Lass uns wachsen in der Zuversicht, dass du das Böse besiegt hast und die Schatten des Bösen in dieser Welt nicht das letzte Wort behalten. Zeige deine liebende Macht und deine heilende Kraft, damit wir frohen Herzens einstimmen können in den Dank, den wir als Kirche Tag für Tag dir darbringen. Lass uns nicht aufhö-ren einzustimmen in das Lob, das dir gebührt und dem Vater in Ewigkeit. Amen.

Cfr. Prof. Dr. Winfried Haunerland,
Geistlicher Zeremoniar der deutschen Statthalterei

Cookie-Einstellungen

Wir verwenden auf www.oessh.net Cookies (z. B. Tracking- und Analytische Cookies), mit denen eine Analyse und Messung von Nutzerdaten möglich ist. Weitere Informationen finden Sie hier: