Aktuelles

Ein Status-Update zum Coronavirus aus dem Heiligen Land 

Sami El-Yousef, der CEO des Lateinischen Patriarchats, schildert die aktuelle Situation vor Ort. Dabei weiß er nicht nur Dramatisches zu berichten, sondern sieht auch einen Hoffnungsschimmer für den Glauben vor Ort und den Frieden im Heiligen Land.

Nicht in unseren kühnsten Träumen hätte sich jemand vorstellen können, dass inzwischen etwa 50 % der Menschheit zu Hause eingesperrt sind, das normale Leben, wie wir es kennen, in wenigen Wochen zum Erliegen gekommen ist und keiner von uns vorhersagen kann, was die kurzfristige Zukunft, geschweige denn die längerfristige Zukunft für uns bereithält. Was als trivialer saisonaler Virus begann, der zunächst als unbedeutend abgetan wurde, entwickelte sich innerhalb weniger Wochen zu einer Pandemie. Wer hätte gedacht, dass Flughäfen geschlossen werden, die Arbeitslosigkeit durch die Decke schießt und die Weltwirtschaft innerhalb nur weniger Wochen kurz vor dem Zusammenbruch steht? Wer hätte gedacht, dass die entwickelte Welt mit ihren stabilen Gesundheitssystemen am wenigsten bereit zu sein scheint, dieses Problem anzugehen? Es ist in der Tat eine seltsame Welt, in der wir nun leben, in der die Menschheit plötzlich gezwungen ist, eine Pause einzulegen, zurückzublicken, nachzudenken, sich auf das zu konzentrieren, was im Leben wichtig ist, die Familie wieder zu entdecken und mehr Zeit mit den Familienmitgliedern zu verbringen, und wie Erzbischof Pizzaballa mich kürzlich während eines Treffens daran erinnerte, "hart zu beten, da dies das Einzige ist, was wir unter den gegenwärtigen Bedingungen der Abriegelungen und Ausgangssperren tun dürfen". 
 
Hier vor Ort war ausgerechnet die am wenigsten vorbereitete und stark unterausgestattete Palästinensische Autonomiebehörde die erste, die am 6. März mit der Entdeckung der ersten Fälle in einem von Touristen frequentierten Hotel in Bethlehem den Ausnahmezustand ausrief. Es folgten eine 30-tägige Abriegelung von Bethlehem und die Schließung aller Schulen in Palästina. Der palästinensische Präsident und der Premierminister wurden wegen der "Überreaktion" heftig kritisiert, aber diese (Reaktion) zahlte sich eindeutig aus, da bis heute die Zahl der Fälle unter 75 liegt und bislang nur ein einziger Todesfall bekannt ist. Es versteht sich von selbst, dass die abrupte Schließung aller tourismusbezogenen Betriebe massive wirtschaftliche Auswirkungen auf Bethlehem hat. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe. Die Zahl der Familien in finanzieller Notlage steigt exponentiell an und die Zahl der Anträge auf Sozialhilfe hat dramatisch zugenommen. Letztendlich müssen wir deutlich mehr in unsere unterschiedliche humanitären Fonds investieren, damit Familien die Krise bewältigen und wieder auf die Beine kommen können.
 
Gegenwärtig gibt es allerdings auch eine positive Seite: Wir erfahren vielfältige Unterstützung aus einer Reihe unerwarteter Quellen, in Form von Lebensmittelpaketen, Medikamenten und Hygieneartikeln, die nach Bethlehem geschickt werden – unter anderem aus den nahe gelegenen Gemeinden in Hebron, Reineh in Galiläa und Zababdeh im nördlichen Teil der WestBank, um nur einige zu nennen. Lokale Komitees, unterstützt von Vertretern örtlicher Wohltätigkeitsorganisationen, Gemeinden und Pfadfindergruppen, haben mit großem Einsatz eng mit den Pfarrern zusammengearbeitet, um sich zu organisieren und den Bedürftigsten so viel Unterstützung wie nur möglich zukommen zu lassen. Der Sozialarbeiter des Lateinischen Patriarchats führte über die Pfarrer eine rasche Bedarfsermittlung durch und stellte fest, dass der größte Bedarf in Medikamenten für chronisch Kranke besteht, zudem in Windeln und Babynahrung für Kinder und in vorbezahlten Stromzählerkarten, da viele Häuser im Bezirk Bethlehem ihren Strom auf diese Weise beziehen. 
 
Das katholische Koordinationskomitee traf sich zweimal unter der Leitung von Erzbischof Pizzaballa, um die Einsätze der katholischen Kirche zu koordinieren. Seine Anweisungen waren klar und eindeutig: Zuerst gelte es, die Selbsthilfe vor Ort zu stärken. Nachbarn und lokale Gemeinden sollten sich umeinander kümmern und zunächst auf vorhandene Ressourcen zurückgreifen. Sie sollten tragfähige Verteilernetzwerke innerhalb der Gemeinden unter der Leitung und aktiven Beteiligung der Pfarrer entwickeln und bitte vorerst keinerlei internationale Appelle starten. Dies könne frühestens nach Ostern geschehen, wenn der tatsächliche Bedarf feststehe. Pizzaballa ist sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass das palästinensische Volk sich der Situation jetzt stellen muss, nachdem es lange Zeit während vielfältiger Krisen jederzeit großzügige internationale Unterstützung erhalten hat. Es dürfe jetzt nicht egoistisch und unsensibel handeln und zu vorschnell um internationale Hilfe bitten - zu einer Zeit, in der ein globales Leiden bestehe und das lokale Leiden nichts sei im Vergleich zu dem Leiden anderswo auf der Welt, wo die Gemeinden menschliche Verlusten in großer Zahl erleiden müssten! Die Anweisungen eines weisen Mannes, der maßgeblich definiert hat, wer wir als Kirche vor Ort mit klaren ethischen und moralischen Standards sind, und was wir als verantwortungsbewusste Weltbürger tun und lassen sollten! 
 
In Jordanien waren lange Zeit keine Fälle aufgetreten. Als der erste Fall bekannt wurde, verhängte die Regierung sofort den Ausnahmezustand und schloss zum 9. März alle Schulen. Darauf folgte ein verschärfter Sperrmodus ab dem 17. März und schließlich eine vollständige Ausgangssperre ab dem 21. März. So kam Jordanien zum Stillstand, obwohl die Zahl der gemeldeten Fälle sich relativ stabil um 170 herum einpendelte und keine Todesfälle zu verzeichnen waren. 
 
Israel hingegen griff zu langsameren Maßnahmen, die sukzessive verschärft wurden und am 26. März in einen Sperrmodus mündeten. Bereits deutlich früher waren jedoch Reiseverbote verhängt und Schulschließungen angeordnet worden. Die schrittweise Schließung hat ihren Tribut gefordert, denn die Zahl der Fälle hat sich allein in der letzten Woche verfünffacht und erreichte rund 2.500 mit 5 Todesfällen. Es wird erwartet, dass die Zahl der Fälle in den nächsten Wochen weiter dramatisch ansteigen wird, und viele Angehörige der Gesundheitsberufe warnen vor einem möglichen Zusammenbruch des Gesundheitssystems, sollten die Fälle weiterhin exponentiell zunehmen. Auf der anderen Seite hat Israel als Wirtschaftsmacht ein großzügiges Konjunkturpaket geschnürt, um Einzelpersonen und Unternehmen bei der Bewältigung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu unterstützen. Im Endergebnis wurden in den letzten zwei Wochen über 650.000 Menschen arbeitslos, so dass die Arbeitslosigkeit nun auf einem Drittweltstandard von über 20 % liegt. 
 
Was unsere eigenen Aktivitäten im Lateinischen Patriarchat angeht, so mussten wir uns seit Beginn der Schließungen an die staatlichen Vorschriften in Palästina, Israel und Jordanien halten. Das bedeutete, dass einige Mitarbeiter aufgrund der Ausgangsperre nicht zur Arbeit kommen konnten; einige erschienen zur Arbeit, während andere, wann immer möglich, von zu Hause aus arbeiteten. Was wir sehr schnell herausfanden, war, dass trotz der großen Anstrengungen unseres IT-Managers, alle von zu Hause aus zu vernetzen, um den Arbeitsalltag wie gewohnt aufrechtzuerhalten, technische und soziale Schwierigkeiten der Arbeit von zu Hause aus auftraten. Die Arbeit von zu Hause aus zu bewältigen, ist sicher leichter gesagt als getan. Einige Mitarbeiter hatten veraltete oder gar keine Computer zu Hause, andere hatten nur eine schwache oder gar keine Internetverbindung, wieder andere, die in Großfamilien leben und sich um Kinder kümmern, die vielfach zum Online-Lernen übergegangen sind, hatten einfach nicht die Zeit, sich mit arbeitsbezogenen Fragen zu beschäftigen. Flexibilität war also das Gebot der Stunde, und wir mussten uns so anpassen, wie es die persönlichen Umstände erforderten. Das werden wir auch weiterhin tun, wo immer es möglich ist. Das Endergebnis ist, dass wir trotz aller Schwierigkeiten durch den Einsatz von Technologie die Gehaltsabrechnung für den Monat März pünktlich bearbeiten und somit sicherzustellen konnten, dass unsere 1.850 Mitarbeiter in Israel, Palästina und Jordanien sich wenigstens nicht auch noch um fehlende finanzielle Mittel sorgen müssen.
 
Was die Schulen angeht, so war zu Beginn des Schuljahres im September mit der Bildungsplattform EduNation eine neue Software eingeführt worden, so dass trotz der offensichtlichen technologischen Schwierigkeiten grundsätzlich das Lehren und Lernen online möglich geworden sind. So engagieren sich die Lehrer an verschiedenen Standorten für ihre Schüler, um den Lernprozess aufrechtzuerhalten und den Geist der Schüler weiter zu stimulieren. Dies ist sicherlich keine ideale Situation, da es sich um den Erstversuch der Online-Bildung handelt, die ohne große Vorbereitung direkt von einem theoretischen in einen praktischen Modus übergegangen ist. Wenn wir die Entwicklung unserer Schulen in der Zukunft betrachten, wird dies sicherlich ein wichtiges Element der Vorbereitung sein, sowohl in Bezug auf die Hard- und die Software als auch auf die Weiterbildung, damit wir auf den nächsten Notfall besser vorbereitet sind. 
 
Und was das geistliche Leben betrifft... Die Geburtskirche wurde am 6. März geschlossen, die Schließung des Heiligen Grabes folgte am 26. März. Dennoch bleiben weiterhin viele Kirchen für das individuelle Gebet, für religiöse Feiern und Messen mit maximal 10 Personen, einschließlich Priester, geöffnet. Die Priester nutzen nun verschiedene soziale Medien, um Messen nach den bestehenden Zeitplänen zu feiern, andere halten sie im Freien ab, wobei sie sich immer an unsere neuen sozialen Distanzierungsnormen halten. An Hochzeiten und Beerdigungen dürfen nicht mehr als zehn Personen teilnehmen! Dennoch haben alle Feiern bislang den bisherigen Status quo weiterverfolgt, und es bleibt abzuwarten, wie die kommende Karwoche und die Osterfeierlichkeiten aussehen werden. Wie werden wohl der traditionelle Palmsonntag und die Karfreitagsprozessionen durch die Via Dolorosa mit Abstandsgeboten und minimaler Beteiligung ablaufen? Wie sieht es mit dem letzten Abendmahl in Gethsemane und dem Ostersonntag am Heiligen Grab aus, wenn die Kirchen geschlossen bleiben? Die Gläubigen scheinen bei allem, was um sie herum geschieht, ein wenig nachgedacht zu haben und scheinen dem Kern ihres Glauben trotz der körperlichen Einschränkungen näher zu kommen.

Schließlich hat diese verrückte Situation auch eine positive Seite, denn wir alle zahlen einen hohen Preis, da wir von unserem Glauben abgewichen und zu gierig, zu materialistisch und sicherlich weniger menschlich geworden sind! Nach und nach entdecken die Menschen ihren Glauben wieder. 
 
Während wir mit der gegenwärtigen Gesundheitskrise, dem Verlust von Arbeitsplätzen, dem Mangel an medizinischer und lebensrettender Ausrüstung, einer bröckelnden Wirtschaft sowie massiver Armut und möglichem Hunger ringen, wird man an die Symbolik dieser heiligen Jahreszeit erinnert, die zur heiligen Woche führt, und an die tragischen Ereignisse der Karwoche, die zum Tod und schließlich zur Auferstehung unseres Erlösers führt und so den Triumph des Guten über das Böse, die Sünde und den Tod markiert. Ein neuer Anfang für den christlichen Glauben. Gleichzeitig werden unsere jüdischen Brüder und Schwestern in einigen Wochen Passah feiern, um des Auszugs der Juden aus ihrer Versklavung in Ägypten zu gedenken; während unsere muslimischen Brüder und Schwestern den heiligen Monat oder Ramadan beginnen, der nicht nur das Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für 30 Tage symbolisiert, sondern auch eine Zeit der Wiederverbindung mit Gott, eine Zeit, in welcher der Armen gedacht wird, und eine Zeit des Gebens. 
 
In einer Zeit, in der die heiligen Orte wie Kirchen, Moscheen und Synagogen geschlossen sind, feiern die Gläubigen still zu Hause, mit der Familie und den Nachbarn. In einem Heiligen Land, das von Konflikten, Kämpfen, Rache und einem anhaltenden Kriegszustand heimgesucht wird, hat das in der Welt wütende Corona-Virus ironischerweise niemanden aufgrund seiner Nationalität, Religion, Hautfarbe, seines Geschlechts oder einer anderen Klassifizierung diskriminiert. Daher waren wir alle gleichermaßen anfällig und wurden alle zugleich angegriffen. Der Geist der Zusammenarbeit von bisherigen Feinden bringt frischen Wind, da Israelis und Palästinenser all ihre Differenzen beiseite schieben müssen, um einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen und gemeinsam eine Strategie zu entwickeln. Die Kriege im Nahen Osten machen vorerst eine Pause. Hat diese Gesundheitskrise doch noch eine gute Seite? Wird die Welt menschlicher werden, wenn wir wieder in unser normales Leben zurückkehren, wann auch immer dies geschehen wird? Werden wir unsere Lehren daraus ziehen und eine menschlichere Welt für die künftigen Generationen aufbauen? Man muss optimistisch sein, dass Ostern, Passah und Ramadan, die alle in wenigen Wochen stattfinden werden, eine Zeit des Nachdenkens, des tiefempfundenen Gebets und des erneuten Einsatzes für eine bessere Welt sein werden. 
 
Bitte schließen Sie uns auch weiterhin in Ihre Gebete ein, so wie auch wir Sie überall auf der Welt in unseren Gebeten begleiten werden. Vereint werden wir daraus hervorgehen, um eine bessere Zukunft aufzubauen. Frohe und gleichzeitig frühe Ostern, Pessach Sameach und Ramadan Kareem aus dem Heiligen Land! 
 
Sami El-Yousef 
Chief Executive Officer, LPJ.
26. März 2020 

Übersetzt aus dem Englischen: Ann Schnieders, 27. März 2020 
 
 

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