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Ein Blick auf Israel und das Vikariat für Migranten und Asylanten in Zeiten des Corona-Virus

Father Rafic Nahra steht im Lateinischen Patriachat von Jerusalem seit gut drei Jahren dem Vikariat für Migranten und Asylanten vor. Er kümmert sich gemeinsam mit zehn weiteren Priestern um die 60.000 Katholiken, die in Israel leben. Darunter auch viele Arbeitsmigranten von den Philippinen, Flüchtlinge und Asylanten aus Afrika. Dort im Vikariat werden auch die knapp 100 Babys und Kleinkinder der Arbeitsmigrantinnen in Kleingruppen betreut, für die sich die Deutsche Statthalterei seit Jahren besonders intensiv einsetzt.


C. Kimberger: Father Rafic, wie beurteilen Sie die Situation der Menschen Ihres Vikariats im Moment?
Das Vikariat selbst ist im Moment geschützt. Die Migranten und Asylanten leben allerdings in sehr beengten Wohnverhältnissen. Wenn einer von ihnen den Corona-Virus haben sollte oder mit einem Infizierten Kontakt gehabt hätte, ist es schwierig, einen Platz für die Quarantäne zu finden. Der Staat Israel hat die Migranten, die hier illegal leben, informiert, dass sie im Verdachtsfall an Corona erkrankt zu sein, die medizinischen Dienste kontaktieren müssen. Sie brauchen keine Angst zu haben, ausgewiesen zu werden. Der Staat Israel hat zudem einige Hotels zu Quarantänestationen erklärt. Dort kann jeder, also auch illegale Migranten und Flüchtlinge, leichte(re) Corona-Erkrankungen auskurieren.

Welche Regularien wurden vom Staat erlassen?
Seit einiger Zeit gibt es immer neue Bestimmungen. Von Mal zu Mal werden sie strenger. Im Moment muss jeder zu Hause bleiben. Es gibt allerdings Ausnahmen. Alle, die in lebenswichtigen Berufen arbeiten, wie in Krankenhäusern, Supermärkten, gehen zur Arbeit. Ein jeder kann Lebensmittel oder Medikamente, die es noch gibt, einkaufen. Der Besuch beim Doktor, Blut spenden sind erlaubt. Dem Gang zur Knesset, zu Sozialstationen steht nichts entgegen. Sogar Demonstrationen – für mich unverständlich- dürfen durchgeführt werden. Sport dürfen zwei in einem Haushalt Lebende betreiben. Hilfeleistungen für Kranke sind erlaubt. Gebete mit weniger als 10 Personen mit einem Abstand untereinander von zwei Metern können stattfinden. Seit gestern Abend gilt eine Ausgangssperre. So dürfen wir uns nur noch 100 Meter vom Haus entfernt aufhalten.

Wie fühlen sich die Christen in dieser Krisenzeit in Israel?
Im Moment noch gut. Manche bedauern es sehr, dass die Kirchen geschlossen sind. Aber sie halten sich an die Gesetze. Aber wir sind erst am Anfang der Beschränkungen. Warten wir ab, wie sie reagieren, wenn die Zeit voranschreitet und sie vielleicht kein vollständiges Gehalt mehr bekommen.

Wie betreuen Sie und die weiteren Priester Ihres Vikariats die Christen nun in dieser Zeit in der Seelsorge?
Gottesdienste mit weniger als zehn Personen dürfen nach den Regularien stattfinden. Aber fast alle Kirchen aller Denominationen sind geschlossen. Wir feiern unsere Gottesdienste daher ohne die uns anvertrauten Gemeindemitglieder. Sie können allerdings bei uns beichten und die Kommunion empfangen. Wir übertragen die Gottesdienste im Internet. Wir bieten über die sozialen Medien Rosenkranzgebete und sogar Anbetungen mit Gesang an. Beerdigungen mit einer kleinen Trauergemeinde finden statt. Ob die Erste Heiligen Kommunion stattfinden kann, weiß ich noch nicht. Unklar ist auch, wie die Gottesdienste in der Karwoche und die Ostermessen gefeiert werden können. Dazu gibt demnächst Erzbischof Pizzaballa ein Schreiben heraus, das auf der Homepage des Lateinischen Patriarchats zu finden sein wird. Vor ein paar Tagen sagte der Papst: „Wir antworten der Corona-Pandemie mit einem weltumspannenden Gebet, mit Mitgefühl und Zärtlichkeit. Lasst uns vereint sein. Ich lade alle Christen dazu ein, ihr Gebet gemeinsam an Gott zu richten.“  

Können Sie uns bitte etwas über die medizinische Betreuung in Israel berichten?
Die meisten Mediziner, mit Ausnahme derjenigen, die Angst vor dem Corona-Virus haben, geben ihr Bestes, um Menschenleben zur retten. In einigen Zeitungsartikeln ist zu lesen, dass nicht genug Krankenbetten, nicht genügend Beatmungsgeräte in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen, wenn die Anzahl der an Corona-Erkrankten steigt. Die Krankenhäuser und Notaufnahmen sind oft vor der Corona-Pandemie schon überfüllt gewesen, und es hat lange Wartelisten gegeben. 

Wie geht es den Babys der Arbeitsmigrantinnen, die das Vikariat in Kleingruppen betreut?
Ebenso wie die Schulen sind die Kleingruppenbetreuungen in Tel Aviv und in Jerusalem nun geschlossen. Wir dürfen keines der Kleinkinder mehr zu uns nehmen. Das ist eine sehr schwierige Situation für uns und vor allem für die Mütter. Einige bleiben freiwillig zu Hause, um sich um ihre Kinder zu kümmern und verdienen nun nichts mehr. Andere, die in „wichtigen Berufen“ eingesetzt sind, müssen nun andere, zeitlich begrenzte Lösungen der Kinderbetreuung finden.

Was werden Sie für die Migranten und Asylanten an Hilfen anbieten?
Wir haben vor, in diesem äußersten Notfall um Spenden für unsere Gemeindemitglieder im Internet zu bitten und hoffen, dass wir damit Erfolg haben. Viele der Migranten und Asylanten sind Putzkräfte und sie haben ihre Anstellungen im Moment verloren. Während die Regierung für Israelis Unterstützungsmaßnahmen für Löhne und Gehälter, Lohnfortzahlung bei Krankschreibungen und Beihilfen für Kleinbetriebe angekündigt hat, bekommen Migranten und Asylanten unglücklicherweise diese Leistungen nicht. Daher werden sehr viele bald kein Geld mehr für Nahrung und Mieten haben.

Wenden sich die Gemeindemitglieder in ihrer Not an die Priester?
Ja, auch weil sie jemanden benötigen, der für sie einkauft, der sie berät, der für sie in der seelischen Not da ist. 

Welche weiteren Hilfen können Sie uns aus dem Vikariat berichten?
Das geht stillschweigend vonstatten. Das wird nicht an die große Glocke gehängt. Unser Priester in Beersheva zum Beispiel hilft zwei kranken Leuten und versorgt sie mit Lebensmitteln zu Hause. In Jerusalem haben wir acht Kinder in unserem Haus „Guardian Engel“ aufgenommen. Sie leben in sehr beengen Wohnverhältnissen. Es wäre unverantwortlich, müssten sie einige Wochen dort wie in einem Gefängnis leben. In Haifa ist unser Priester jeden Tag in der kleinen Gemeinde mit allen in Verbindung…

Fr. Rafic, haben Sie bitte ein paar Gedanken und Worte an uns Mitglieder des Ritterordens?
Liebe Freunde der Deutschen Statthalterei! Erlauben Sie mir, meine herzlichsten Grüße in der Fastenzeit, in einer besonderen Fastenzeit, die unter der Corona-Pandemie steht, an Sie zu richten. In der Fastenzeit lädt uns der HERR ein, verstärkt zu beten und Solidarität zu leben. ER ruft uns dazu auf, neue Wege ihm zu dienen, zu entdecken und den Schwestern und Brüdern, und besonders den Armen, die benachteiligt und isoliert sind, nahe zu sein. Möge uns die Königin von Palästina, die Tochter Zions, Glaube, Hoffnung und Bereitschaft lehren, um immerzu zu dienen. Sie, liebe Ordensmitglieder, werden in unsere Gebete hier in Jerusalem mithineingenommen und ich bitte Sie: beten Sie auch für uns.
Gottes Segen Ihnen allen aus Jerusalem!

Infektionen am 24.3.2020: 
1.930 Menschen, 34 davon sind sehr schwer erkrankt, 3 Menschen sind gestorben

Das Interview führte Csr. C. Kimberger, Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission
(Stand 25. März 2020)

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