Aktuelles aus unserem Orden

… die Wunden und Nöte der Menschen unserer Tage …  Zum Zweiten Fastensonntag 2022 

Zu den verheerenden Folgen des unvermittelten Angriffs auf die Ukraine gehört die vielfältige Not der Bevölkerung in diesem Land. Zahlreiche Hilfsorganisationen bitten um finanzielle Unterstützung für Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, selbst für Nahrung und Schutz zu sorgen, auf medizinische Versorgung, die weitgehend zusammengebrochen ist, angewiesen sind oder ihr Land verlassen wollen, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Nach einer Pressemeldung soll bereits jeder vierte Deutsche sich in den letzten Tagen finanziell engagiert haben. Es ist gut, dass wir noch nicht so abgestumpft sind, sondern uns von Bildern und Meldungen beunruhigen und anrühren lassen. Die Not der anderen darf uns nicht kalt lassen. 

Die Augen nicht verschließen 

Es kann also nicht verwundern, dass spontan auch innerhalb unseres Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem die Frage gestellt wurde, ob wir als Gemeinschaft nicht auch hier gefordert sind. In unserem Ordensgebet beten wir ja ausdrücklich: „öffne unsere Augen, Ohren und Herzen für die Wunden und Nöte der Menschen unserer Tage“. Zu den himmelschreienden Wunden und Nöte der Menschen unserer Tage gehören gewiss die Wunden der ukrainischen Kinder und Frauen, der Alten und der Jungen, ja sogar auch die Wunden und Nöte der Soldaten, die in einen sinnlosen Krieg getrieben werden, von ihrem Befehlshaber instrumentalisiert werden oder nur einfach für die Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung kämpfen. Vor ihren Wunden und Nöten sollten auch wir unsere Augen, Ohren und Herzen nicht verschließen. 

Zur Eigendynamik unserer Mediengesellschaft gehört es allerdings, dass die Aufmerksamkeit immer nur auf wenige Schwerpunkte fällt. Selbst die Gefahren der Corona-Pandemie und des Klimawandels haben ihre prominenten Plätze zwischenzeitlich auf den Titelseiten verloren. Hunger und Armut in Afghanistan, Zentralafrika und anderen Ländern haben aber für die Betroffenen ihren Schrecken nicht verloren, auch wenn die Kameras der Welt nun auf andere Krisengebiete fokussiert sind.  

Keiner kann alles, aber jeder kann etwas helfen 

Vor diesem Hintergrund scheint es mir wichtig, die Bedürftigen der Welt nicht gegeneinander auszuspielen. Die Nöte der Welt übersteigen in summa unsere Möglichkeiten zum wirksamen Helfen. Auch mit den größten Anstrengungen werden wir allein das Elend der Welt nicht überwinden können. Aber das muss uns nicht handlungsunfähig machen. Vielmehr kann jeder und jede Einzelne immer wieder für sich entscheiden, wo er konkret helfen kann und Zeichen der Solidarität setzt. In einem Moment, in dem alle Welt auf die Ukraine schaut, bleibt es zum Beispiel trotzdem sinnvoll, einer hungernden Familie in der Nachbarschaft beizustehen. Und sollten demnächst Scharen von Flüchtlingen bei uns eintreffen, wäre es in meinen Augen fatal, wenn jene, die bereits heute auf die Tafeln der Caritas angewiesen sind, zu Verlierern werden.  

Wenn wir im Ordensgebet um offene „Augen, Ohren und Herzen für die Wunden und Nöte der Menschen unserer Tage“ beten, dann ergänzen wir dies mit den Worten: „besonders der Christen im Heiligen Land“. Wie es unserem Ordensversprechen entspricht, versuchen wir, auch in dieser Zeit sie nicht aus dem Auge zu verlieren – nicht weil sie mehr Unterstützung brauchen als die Menschen in der Ukraine und auf der Flucht, sondern weil die Sorge für die Christen im Heiligen Land uns in besonderer Weise aufgetragen ist. Kontinuierliche Hilfe ist auch in Krisenzeiten wichtig. Das soll uns als einzelne Christen nicht abhalten, zusammen mit anderen uns auch dort zu engagieren, wo jetzt akut Hilfe notwendig und möglich ist. Unsere großen Hilfswerke wie caritas international oder RENOVABIS haben im Blick auf die Ukraine und Osteuropa eine vertrauenswürdige Kompetenz. Aber gerade weil niemand alle Nöte der Welt überwinden kann, versuchen wir als Ritterorden verlässliche Partner derer zu bleiben, die sich auf uns verlassen müssen und verlassen. 

Zeichen des Heilswillen Gottes 

Das Evangelium des Zweiten Fastensonntags (Lk 9,28b-36) führt uns auf den Berg der Verklärung und lässt damit aufleuchten, dass die Dunkelheiten und Begrenzungen dieser Welt nicht das Letzte sein werden. Auch die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi (Phil 3,17-4,1) überschreitet die Grenzen unserer Erde und kündet von einer Heimat im Himmel, die wir jetzt noch nicht haben, sondern die wir erwarten. Das nimmt dem Elend dieser Welt erst einmal nichts von seiner Härte. Die Kreuze der Menschen bleiben schwer und bedrohlich. Die Wunden brennen und die Nöte schreien zum Himmel. Und es gibt keine Garantie, dass der Gedanke an die Heimat im Himmel und die Vollendung der Welt durch Gott mir jetzt die Kraft gibt, mit den Begrenzungen meines Lebens gelassener umzugehen.  

Aber vielleicht kann mich, kann uns der Blick auf den verklärten Herrn ermutigen, Trost und Ermutigung zu finden in der Erkenntnis, dass unsere kleinen Beiträge zum Überwinden der Nöte unserer Tage ein wenig von dem aufleuchten lassen, was Gott für alle bereitet hat. Auch wenn wir niemals das Elend der ganzen Welt überwinden werden, ist es nicht umsonst, auch eine einzelne Träne zu trocknen, einem konkreten hungrigen Menschen zu essen zu geben oder auch nur einem einzigen Notleidenden beizustehen. Jedes Leid, das wir lindern oder überwinden, ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass das Böse am Ende nicht siegen und der Tod nicht das letzte Wort behalten wird. 

Cfr. Prof. Dr. Winfried Haunerland 
Geistlicher Zeremoniar der deutschen Statthalterei 

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