Aktuelles aus unserem Orden

Die Not der Arbeitsmigranten und Asylanten in Israel

Father Rafic Nahra, Patriarchatsvikar für die hebräisch sprechenden Christen und Vikar für die Migranten und Asylanten, im Gespräch mit der Vorsitzenden der Heilig-Land-Kommission, Consoror Cornelia Kimberger

Fr. Rafic, wie geht es den Christen in den beiden Vikariaten?

Zum Glück ist keines unserer Gemeindemitglieder am Corona-Virus gestorben. Einige von uns waren krank, aber es war nicht dramatisch. Für uns als Vikariat waren es dennoch sehr herausfordernde, anstrengende Zeiten wegen der langen Schließungen und wegen der strikten Vorgabe, wie viele Menschen sich treffen dürfen. Das hatte Auswirkungen auf die Gottesdienste und für viele andere Aktivitäten, die wir sonst in unseren Gemeinden anbieten. Seit Februar 2020 konnten zum Beispiel die zweimal jährlich stattfinden Versammlungen all unserer Gemeinden in Israel nicht stattfinden. Die Familienwochenenden wurden gestrichen. Nur ganz eingeschränkt konnten wir Angebote für die Jugend anbieten. 

Was haben Sie unternommen, um mit Ihren Gemeindemitgliedern in Kontakt zu bleiben?

Wir haben während des strengen Lockdowns Messen gestreamt, wohl wissend, dass diese Messen überhaupt nicht den „normalen“ Gottesdienst ersetzen können. Der Zuschauer der Messe nimmt nicht wirklich daran teil. Nichts, aber wirklich gar nichts, kann die wahre Teilhabe eines Gläubigen an einem Gottesdienst ersetzen. Der Leib Christi, den wir bei der Heiligen Kommunion empfangen, hat den Gläubigen gefehlt.

Trotzdem haben wir auch positive Seiten der modernen Medien feststellen können: Während der vielen Lockdowns im Jahr 2020 haben wir begonnen, wöchentlich über „youtube“ Sonntagspredigten zu senden, die für jedermann verfügbar waren. Über das Konferenzportal Zoom haben wir Kurse angeboten, an denen auch Freunde unserer Gemeindemitglieder teilnehmen konnten. Das werden wir in Zukunft beibehalten, da wir gute Erfahrungen damit gemacht haben.

Hat sich die Situation der Migranten und Asylanten in Israel inzwischen verbessert?

Oh, ganz im Gegenteil! Ich kann nur sagen: Es ist eine sehr, sehr schlechte Zeit für diese Menschen hier in Israel. Viele der Arbeitsmigranten haben Israel inzwischen verlassen und sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Für sie war es unmöglich zu bleiben. Während des ersten Lockdowns verloren viele von ihnen ihren Arbeitsplatz, weil die Arbeitgeber wegen des Corona-Virus sehr besorgt waren, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt. Die Touristen und Pilger blieben weg, viele Hotels und Restaurants waren geschlossen. So haben sie die Angestellten entlassen – und dies sind zum größten Teil eben Asylanten und Arbeitsmigranten. In den darauffolgenden Lockdowns war die Panik bei den Arbeitgebern dann nicht mehr so groß. Leider konnten viele der Migranten ihre Jobs trotzdem nicht fortsetzen, weil Schulen und Tagespflegen geschlossen waren. Die Mütter wollten ihre Kinder nicht alleine lassen und blieben daher zu Hause. Furchtbar ist die Situation der Migranten, die in Haushalten arbeiten, die alte oder kranke Menschen pflegen. Sie behielten zwar ihre Anstellungen, aber sie durften das Haus, also ihren Arbeitsplatz, nicht mehr verlassen. Die Arbeitgeber hatten Angst, dass sie mit ihren Kontakten das Virus einfangen würden und dann ansteckend seien. Ich würde sagen, das war eine Art von Gefängnis, in dem diese Menschen viele Monate lang leben mussten.

Waren auch die Tageseinrichtungen im Lateinischen Patriarchat geschlossen?

Unsere Tageseinrichtungen für Babys in Jerusalem und Tel Aviv mussten für viele Wochen schließen - wie alle anderen Einrichtungen in Israel auch. Das Guardian Angel Haus, das zum Rachel Center gehört, durfte offenbleiben. Dort leben zurzeit sieben Kinder fünf Tage in der Woche mit ihren zwei Betreuern. Ihre Eltern sind nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern. Ein paar Mal war auch diese Einrichtung kurzzeitig geschlossen, da Kinder mit dem Corona-Virus infiziert waren und dadurch auch alle anderen in Quarantäne mussten. 

Die Hausaufgabenbetreuung und das Nachmittagsprogramm fanden nur in sehr reduzierter Form statt. Wir, und besonders die Kinder, haben uns gefreut, dass ein paar Jungen und Mädchen trotzdem kommen konnten. Ansonsten gaben wir allen anderen, die Internetzugang hatten, auf der Zoom-Plattform Nachhilfe und unterstützten sie bei den Hausaufgaben. Ihre Eltern können ihnen leider nicht helfen, da sie kein Hebräisch sprechen.

Benötigten die Migranten humanitäre Hilfen?

Vielen Migranten konnten wir helfen, indem wir ihnen Nahrungs-Coupons gaben. Aber ihr Hauptproblem sind die Mieten und die Kosten für Heizung und Strom. Die Vermieter haben die Mieten nicht reduziert, obwohl sie wussten, dass ihre Mieter für viele Wochen arbeitslos waren.

In den letzten Wochen hat die israelische Regierung wieder begonnen davon zu reden, dass illegale Arbeitsmigranten ausgewiesen werden sollen. Die ersten Abschiebungen könnten bald beginnen, wenn der israelische Luftraum wieder offen ist.

Israel ist im Impfen gegen das Corona-Virus weltweit Vorbild. Werden Migranten und Asylanten auch geimpft?

Es hat gedauert, bis auch für sie endlich Impfstoff zur Verfügung gestellt wurde. Auf Drängen verschiedener humanitärer Organisationen werden nun Asylanten und Migranten zum Glück in Jerusalem und Tel Aviv geimpft.

Wie viele Migranten und Asylanten leben in Israel?

Als Arbeitsmigranten leben knapp 23.400 Philippinas mit legalem Status und ungefähr 6.000 Illegale in Israel. Sie alle sind vorwiegend katholisch. Ungefähr 15.000 Inder sind in Israel gemeldet. Unter ihnen sind 3.000 Konkani sprechende lateinische Katholiken, vorwiegend aus der Region Goa. 6.200 Malaysier leben als Migranten im Land. Sie sind lateinische und syro-malabarische Christen. Aus Sri Lanka sind 5.300 Menschen, unter ihnen ungefähr 350 Katholiken. Dazu kommen 150 Katholiken aus Afrika, die Englisch sprechen, und 100 Katholiken, die Französisch sprechen. Ungefähr 840 Katholiken aus Eritrea und Äthiopien sind in unseren Gemeinden registriert. Für all diese Menschen bieten wir in Tel Aviv von Freitag bis Sonntag insgesamt 30 Gottesdienste in den verschiedensten Sprachen im „Our Lady Woman of Valor Pastoral Center“ an. 

Am Ende des Jahres 2019 lebten nach offizieller Statistik des Staates Israels 31.500 Asylanten in Israel: 71 % aus Eritrea und 20 % aus dem Sudan. Im Jahr 2019 beantragte kein Afrikaner Asyl, 2.100 von ihnen mussten Israel verlassen. 

 

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