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Die Gemeinde „Heilige Familie“ in Gaza und die Corona-Pandemie

40 Kilometer lang und 10 Kilometer breit ist der Gazastreifen. Es ist das Zuhause von rund 2 Millionen Palästinensern und gehört zu den am dichtesten besiedelten  Gebieten weltweit. Seit 2006, nach der Machtübernahme der Hamas, ist dieser Küstenstreifen endgültig von Israel abgeriegelt. Die humanitäre und wirtschaftliche Lage ist sehr schlecht. Die finanziellen Hilfen der UN haben sich durch das Aussetzen amerikanischer UN-Unterstützung bedenklich reduziert. Die Arbeitslosigkeit mit 45% (Jugendarbeitslosigkeit 60%, 1 Mio. Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre) ist sehr hoch und damit die Armut allgegenwärtig. Es gibt kein sauberes Wasser, die Kläranlagen funktionieren seit langem nicht mehr, da der Strom nur stundenweise zur Verfügung steht. Zudem haben es die 1.200 Christen, davon 120 römisch-katholische Christen, unter den 2 Mio. Einwohnern nicht leicht, in der muslimisch geprägten Gesellschaft zu leben und zu überleben. 


Seit Weihnachten 2019 ist Pfarrer Gabriel Romanelli für die Gemeinde „Heilige Familie“ in Gaza zuständig. Nicht nur ihn verwirren die Regularien, die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie für Gaza erlassen werden: „Wir erfahren von den Bestimmungen der palästinensischen Regierung in Ramallah und müssen gleichzeitig die Erlässe der Hamas-Regierung beachten“, erklärt Fr. Gabriel. Einige Bestimmung des palästinensischen Gesundheitsministeriums übernimmt Gaza, andere nicht. Zum Beispiel hat Ramallah verfügt, dass alle Schulen zu schließen sind. Die Regierung von Gaza hat diese Maßnahme allerdings erst einige Tage später herausgegeben. So haben wir den Unterricht an den drei katholischen Schulen erst dann eingestellt, als die „lokalen“ Behörden das bestimmt haben.  Die Unterrichtsstunden finden nun über das Internet statt. So ist das Gemeindegelände leer. Es fehlt das lustige Lachen der 960 Schüler und Kindergartenkinder (Anm.: davon 11% Christen) im Pausenhof… 

Auch das Gemeindeleben ist nicht mehr wie zuvor. Die Türen der Kirche sind offen für private Gebete. Das Internet und das Telefon sind in diesen Tagen die Kommunikationsmittel mit den Gemeindemitgliedern geworden. Weihwasser und Weihrauch werden zu den Gläubigen nach Hause gebracht und ihnen erklärt, wie diese zu verwenden sind. Der Rosenkranz wird in den Familien verstärkt für Kranke und Schwache gebetet. Gottesdienste mit bis zu 15 Personen dürfen stattfinden, wie es Erzbischof Pizzaballa verfügt hat. Schwierig wird es dann, wenn auf einmal 20 am Sonntag zur Messe kommen. Daher hat der Priester den Erzbischof gebeten, hier in Gaza eine Ausnahme zu machen, denn „in Gaza ist eine spezielle Situation“, stellt Fr. Gabriel fest. Obwohl er die Gläubigen dringend bittet, nicht zu den Gottesdiensten zu kommen, muss er nun zwei Sonntagsmessen halten. Die Osterfeierlichkeiten werden wahrscheinlich auch auf diese Art und Weise gefeiert werden können. Gottesdienste und Anbetungen unter der Woche feiert er zusammen mit seinen beiden Vikaren, den zwei Schwestern des Ordens „Verbum Incarnatum“ und den drei Rosenkranzschwestern, die sich in normalen Zeiten um die Schüler und Kindergartenkinder kümmern, und den vier Mutter-Theresa–Schwestern, die auf dem Gemeindegelände schwer behinderte Kinder versorgen. Besonders hart trifft es die Gläubigen, dass Beerdigungen nun nur noch im kleinen Kreis stattfinden können. Im Nahen Osten werden die Toten normaler Weise von Hunderten zu Grabe getragen. Und Hochzeiten sind in diesen Tagen ganz verboten. 

Büros und Banken sind, mit ganz wenigen Ausnahmen, geschlossen. Sogar nicht dringend benötigte Angestellte in den Krankenhäusern sind freigestellt. Privatunternehmen und Regierungsbüros haben nur noch begrenzt offen. Die Gehälter werden bislang angeblich nicht gekürzt. Cafés, Restaurants und Jugendclubs sind zu. Sogar die Moscheen sind geschlossen. Auf den Straßen sieht man Polizei, die Autofahrer anweist, Masken und Handschuhe  zu tragen. Überall, in jedem Büro, auf allen öffentlichen Plätzen, auf Märkten, in Krankenhäusern, Schulen und Universitäten, auf allen Straßen wird Desinfektionsmittel versprüht. Sogar Obst und Gemüse werden im Auftrag der Regierung desinfiziert. Die Händler tragen alle Handschuhe. Zudem wurden Isolierstationen für Menschen geschaffen, die aus Israel, Palästina und Ägypten eingereist sind. Die Grenze zu Israel wurde geschlossen. Nur für humanitäre Maßnahmen wird sie geöffnet. Zum Glück können Waren aus Israel und das dringend benötigte Benzin über die Grenze gebracht werden. 

Die Christen verlassen ihre Häuser nur noch zum Einkaufen. Sie verstehen allmählich, wie gefährlich das Virus ist. Fr. Gabriel besucht nun die alten Gemeindemitglieder, die Kranken und Schwachen wöchentlich in ihren Wohnungen. Über Facebook werden für sie Eucharistiefeiern übertragen, und danach bringt er ihnen die Heilige Kommunion nach Hause. Für die älteren Gemeindemitglieder werden von Ehrenamtlichen aus der Gemeinde Einkäufe erledigt. Man erwartet jedoch, dass von Seiten der Behörden bald strengere Maßnahmen verkündet werden, damit sich das Virus nicht so schnell verbreiten kann -  dann wird dieser Service schwierig.

Wichtig ist es für Gabriel Romanelli, sich um die Armen zu kümmern. Mahlzeiten werden verteilt, und ihm ist es wichtig zu betonen, dass auch bedürftige Muslime von der Pfarrei mit Essen versorgt werden. „Die Palästinenser sind sehr hilfsbereit“, sagt der Priester „und kümmern sich umeinander!“
Zum Glück bleiben die Preise für Nahrungsmittel konstant, was auch den Behörden zu verdanken ist, die hohe Strafen bei Preistreiberei verhängen. Anders schaut es bei Medikamenten aus. „Durch das Embargo haben wir sowieso einen Mangel an Medikamenten, die uns nun auch in der Coronakrise fehlen werden.“ Ärzte stehen bereit zu helfen und klären im Moment die Bevölkerung über das Virus auf. Noch sind die Klinken leer, die sonst überfüllt sind. Im Moment werden nur noch Patienten mit lebensbedrohenden Krankheiten behandelt. Man bereitet sich auf den Ansturm vor. Allerdings bezweifelt der Priester, dass die Kapazitäten reichen werden. „Al-Hamdulillah“ (Gott sei Dank!), gibt es bis jetzt nur wenige Corona-Infizierte“, so der Priester. Zwei Personen sind über Ägypten aus Pakistan eingereist und haben das Virus mitgebracht. Sie wurden unverzüglich isoliert, aber mittlerweile sind sieben weitere erkrankt, die direkten Kontakt mit den Erstinfizierten hatten. „Unsere Christen haben Angst vor dem Virus und gleichzeitig vor den wirtschaftlichen Konsequenzen“, erklärt der Priester. Die meisten haben keine festen Anstellungen, oft auch kein festes Gehalt. Und es gibt Menschen, die bisher meinten, die Corona-Pandemie betrifft andere Länder, nur nicht Gaza. Sie fangen endlich an zu verstehen, was da auf uns alle zurollt. Die Bevölkerung Gaza ist es gewohnt, eingesperrt zu sein. Sie hat einige Kriege in den letzten Jahren erlebt. Daher, meint der Priester, seien sie besser mental vorbereitet als andere Völker und Länder. Allerdings  erkennen sie die Schwere der Situation noch nicht, denn einen Coronavirus kann man nicht sehen…

Seit 2018 unterstützt die Deutsche Statthalterei junge, gut ausgebildete Christen, um sie in den Arbeitsmarkt von Gaza zu integrieren. Sie finden Anstellungen in NGOs, IT-Unternehmen, kirchlichen und humanitären Einrichtungen. Das LPJ zahlt den Teilnehmern des Programms monatlich ein kleines Salär, damit sie ihren Lebensunterhalt eigenständig bewältigen können. Die berufliche Erfahrung stärkt ihr Selbstvertrauen, ihre Fähigkeiten. Ende April läuft das Programm aus, und nur ungefähr die Hälfte der Praktikanten können wegen der aktuellen wirtschaftlichen Situation in Gaza in den Betrieben übernommen werden. Für die anderen beginnt eine harte Zeit. Viele von ihnen sind verheiratet und haben keine Perspektiven für ihre Zukunft. Momentan arbeiten einige der Praktikanten von zu Hause aus, denn es sollen - so der Wille der Regierung - so wenig Menschen wie möglich auf die Straße.
Gabriel Romanelli: „Bei allen Gottesdiensten hier in Gaza beten wir für die Damen und Ritter des Ordens und besonders für die Deutsche Statthalterei! Wir wissen um das Bemühen und Ihre Hilfen für die Christen im Heiligen Land und im Speziellen für die Christen in Gaza. Dafür danken wir Ihnen von Herzen!“ 

Cornelia Kimberger
Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission
 

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