Aktuelles aus unserem Orden

"Der Heilige Geist kann oft nur lächeln" - Abtprimas em. Dr. Notker Wolf findet deutliche Worte beim Einkehrtag in Paderborn 

(c) oessh.net

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„Wir Westfalen lieben Originale“ - so begrüßte S.E. Cfr. Erzbischof Hans-Josef Becker den früheren Abtprimas des Benediktinerordens Dr. Notker Wolf in Paderborn. Die Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem aus Westfalen trafen sich am 13. November zu ihrem jährlichen Einkehrtag. Den Gastvortrag hielt Notker Wolf, der vom Leitenden Komtur Cfr. Dr. Bernhard König als „Grenzgänger zwischen Himmel und Erde“ begrüßt wurde. 

Notker Wolf hat eine Vielzahl von Büchern verfasst, darunter auch zahlreiche Bestseller. In seinem Vortrag analysierte er kritisch aktuelle Vorgänge in Gesellschaft und Kirche. Seine Hauptthese: Der Glaube gehe auf breiter Front verloren. Solange ein großer Teil der Gesellschaft sich vor Gott verantwortlich fühle, seien nicht menschliche Möglichkeiten und Macht das Maß allen Handelns, sondern Gott. Schwänden jedoch der Glaube an Gott und das Gefühl der Verantwortung vor Gott, träten Ideologien und ein Machbarkeitswahn an die Stelle des Glaubens. Dies ende dann häufig in Frustration.  

Machbarkeitswahn, Perfektionismus und Sicherheitsdenken anstelle von Gottvertrauen 

In der Gesellschaft sei deutlich festzustellen, dass die Einigkeit hinsichtlich grundlegender Werte und Fragestellungen schwinde. Die modernen Gesellschaften seien von einem Machbarkeitswahn befallen. Die Deutschen seien darüber hinaus auch noch Meister der Perfektion und des Sicherheitsdenkens – „ein Volk von Versicherten“. Es sei aber nicht alles machbar; die Möglichkeiten menschlichen Handelns seien begrenzt. Es gebe in zentralen Fragen des Lebens auch keine letzten Sicherheiten – außerhalb des Glaubens. 

An die Stelle der Verantwortung vor Gott träten dann Ideologien, die den Menschen versprächen, sie könnten sich selbst erlösen, und eine hysterische Betroffenheitskultur, die viele Debatten in unserer Gesellschaft kennzeichne. Der Mainstream beherrsche das Bewusstsein; ihm fielen die Streitkultur und die Meinungsvielfalt langsam zum Opfer. Wo seien Menschen, die gegen den Mainstream aufstünden, ihre eigene Meinung kundtäten, einen Streit aushielten? Der Verlust der Vorstellung von gemeinsamen Werten führe dazu, dass Gesellschaft und Politik das Heil in immer mehr Regelungen und Gesetzen suchten, die vermeintlich Freiheit schaffen sollten. Das Gegenteil sei oft der Fall: So würden Mündigkeit und Kreativität der Bürger immer mehr eingeschränkt. 

Frohe Botschaft versus Regelungswut 

Auch in der Kirche stelle er dieselbe Tendenz fest: In dem Maße, wie die Botschaft Jesu im Neuen Testament nicht mehr wahrgenommen oder jedenfalls nicht mehr ernstgenommen werde, steige der Glaube daran, dass man die Kirche durch neue Regelungen, Statuten, Gremien, Organisationsformen retten könne. Werde das Neue Testament in der Kirche noch ernst genommen? Wolf las Passagen aus dem Neuen Testament vor. Aus dieser Botschaft ergäben sich andere Werte als die, die heute den Mainstream bestimmten. Jesus habe Hierarchien und Machtverhältnisse infrage, ja sogar auf den Kopf gestellt. Für ihn zählten Ehrlichkeit statt Lüge auf breiter Front, Achtung statt Verachtung, ein unbegrenztes Liebesgebot. Wenn die Kirche sich auf diese Botschaft Jesu besinne, könne sie dem Auftrag gerecht werden, den Jesus den Christen gegeben habe: Sauerteig für die Gesellschaft zu sein, Salz der Erde.  

Innerkirchliche Diskussion als Daueraufgabe – mit Gelassenheit und im Vertrauen auf den Heiligen Geist  

Wolf äußerte sich auch zum aktuellen synodalen Prozess in der katholischen Kirche. Der Heilige Benedikt habe den Äbten seines Ordens empfohlen, alle Brüder zur Beratung zusammenzurufen, wenn etwas Wichtiges zu entscheiden sei. Das sei eine gute Regelung für die Kirche insgesamt. Er verstehe nicht, warum manche, auch Bischöfe, Angst vor einem solchen Diskussionsprozess hätten. Gebe es denn kein Vertrauen mehr auf den Heiligen Geist? Wolf: „Ich bin mir sicher, dass der Heilige Geist über vieles nur lächeln kann“. Die Laien müssten an diesen Diskussionen aktiv beteiligt werden, wie es der synodale Weg ermögliche. Und das dürfe sich nicht nur auf einen einmaligen Vorgang beschränken, sondern sei eine Daueraufgabe der Kirche. Wenn über die Zukunft der Kirche diskutiert werde, dürfe auch nicht nur die ältere Generation das Wort führen; die Jungen seien bisher zu wenig repräsentiert. 

Und zum möglichen Konflikt mit Rom: Notker Wolf stellte infrage, dass alles von Rom aus zentralistisch geregelt werden müsse. Warum könne man nicht eine gewisse Pluralität zulassen? Die Bischöfe seien nicht Angestellte des Papstes. Er habe den Eindruck, dass Papst Franziskus das genauso sehe. Wolf warnte davor, dass die Kirche das Heil in Bürokratismus, noch mehr Gremien und noch mehr Regelungen suche, statt sich auf die Botschaft Jesu zu konzentrieren. Überall, wo zu wenig Glaube sei, dass Gott die Kirche führe, entstehe leicht Machtstreben statt einer Bereitschaft zum Dienen. Wolf mahnte zur Gelassenheit: In der Kirchengeschichte habe es häufiger Krisen und heftige Auseinandersetzungen über den richtigen Weg gegeben, schon bei den Aposteln, später im zweiten Jahrhundert und nach der ersten Jahrtausendwende. Man solle einmal nachlesen, wie damals die Fetzen geflogen seien. Und die Kirche existiere immer noch. Uns sei wohl der historische Horizont verlorengegangen, um aktuelle Entwicklungen richtig einordnen zu können. 

Notker Wolf schloss seinen Vortrag mit einem Zitat. Ein Prior des Benediktinerordens, der sein Amt mit 81 Jahren beendet habe, habe ihm auf die Frage, warum er so glücklich sei, geantwortet: „Nehmen Sie nichts ernst in diesem Leben, vor allem sich selber nicht“. 

Cfr. Dr. Bernhard König, Leitender Komtur St. Meinwerk Paderborn 

 

  

Anlage Fotos: 

Foto 1: v.l. Fischer (Provinzpräsident) Dr. Schnieders (Statthalter), Dr. Notker Wolf OSB,  

            Dr. König (Leitender Komtur), Ferdinand Giese (Ordenskanzler) 

Foto 2: Erzbischof Hans-Josef Becker mit Dr. Notker Wolf 

Foto 3: Dr. Notker Wolf (OSB) 

 

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