Aktuelles aus unserem Orden

Besinnungstage der Norddeutschen Provinz vom 03.-05.09.2021 in Haus Ohrbeck

(c)oessh.net, Andrea Weinhold-Klotzbach

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„Bei Gott sind wir gerngesehene Gäste“ - Anmerkungen zur Gastfreundschaft

Hiermit beschäftigten sich Mitglieder und Gäste der Norddeutschen Provinz unter der Leitung unseres Provinzpriors Cfr. Propst Dr. Bernhard Stecker und des Referenten Pater Franz Richardt OFM am ersten Septemberwochenende in Georgsmarienhütte im Haus Ohrbeck. Hier wurden die Gäste mit dem Wunsch „pace e bene“ – „Frieden und Gutes“ aus der franziskanischen Tradition begrüßt Die Coronalage ermöglichte es uns, die Veranstaltung zwar im kleineren Rahmen von 42 Teilnehmern, aber endlich wieder in Präsenz durchzuführen.
Der Prior der Norddeutschen Provinz, Cfr. Dr. Bernhard Stecker, begrüßte die Anwesenden und lud sie dazu ein, an diesem Wochenende im Gespräch auch mit den Mitgliedern anderer Komtureien über den Tellerrand zu schauen. Er richtete die Grüße des Präsidenten der Norddeutschen Provinz, Cfr. Dr. Arnold Spallek, aus, der in diesem Jahr nicht persönlich anwesend sein konnte, und seine guten Wünsche um exzellente geistige und geistliche Nahrung mit dem besonderen Dank an unseren Prior Propst Dr. Bernhard Stecker und unsere Secretaria Margret Strake für die großartige Vorbereitung und Entlastung bei der Vorbereitung der Besinnungstage verband.
Pater Franz machte gleich zu Beginn deutlich, dass die Aussage „Bei Gott sind wir gern gesehene Gäste“ Menschen vor den Kopf stoßen kann. Dies könne nicht der erste Satz sein, mit dem man Missbrauchsopfern, Opfern der Flutkatastrophe und Hitzewellen und Trauernden begegne. Während man in der Vergangenheit große Schadenslagen wie die Pest oder die Spanische Grippe mit Millionen von Toten immer zusammen mit Gott gedacht habe, sei Gott in der Coronadiskussion selten vorgekommen, da immer mehr Menschen, auch Theologen, sich vom Raum des Glaubens weit entfernt hätten. Der Begriff „Gott“ stehe – so wie der Satz Hiobs: „Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, gepriesen sei der Name des Herrn“ – erst am Ende einer langen Geschichte.

Gastfreundschaft

Der Samstag stand, ausgehend vom Jahresmotto der deutschen Statthalterei, ganz im Zeichen der Gastfreundschaft. Auf die Frage „Was war für Sie die eindrücklichste Einladung, die Sie nie vergessen werden?“ beschäftigten sich die Teilnehmer zunächst in kleinen Gruppen mit ihren persönlichen Erfahrungen als Gast oder Gastgeber. Dann beleuchtete P. Franz das Thema Gastfreundschaft aus biblischer Sicht und mittels des Grimm´schen Märchens „Der Arme und der Reiche“( Der Arme und der Reiche - Brüder Grimm (grimmstories.com):
Im Begriff Gast vereinen sich zwei Gegensätze: Der Fremde war zunächst angsteinflößend, ein potentieller Feind. Es stellt eine kulturelle Leistung dar, aus einem Fremden einen Freund zu machen. Einen völlig Fremden aufzunehmen ist nicht leicht, und es erfordert viel Überwindung, das tief in uns verwurzelte Misstrauen dem Fremden gegenüber zu überwinden. Die gastfreundliche Aufnahme von Fremden, Flüchtlingen und Hilfesuchenden, stellt uns insbesondere dann vor Schwierigkeiten, wenn die Gastfreundschaft missbraucht wird. Dennoch ist sie eine biblische Grundforderung: Die Tora erinnert das Volk Israel immer wieder daran, dass es selbst fremd in Ägypten war und deshalb verpflichtet ist, den Fremden, der sich bei ihm aufhält, wie einen Einheimischen zu behandeln und zu lieben, ihn nicht auszubeuten oder schlechter zu behandeln als die geborenen Israeliten. 
Die biblische Urgeschichte der Gastfreundschaft ist gleichzeitig eine Geschichte der Gotteserfahrung: Abraham beherbergt bei den Eichen von Mamre drei Männer, die sich als Engel Gottes offenbaren und ihm und seiner Frau Sara das Geschenk des Weiterlebens durch einen Nachkommen verheißen. In der Gerichtsrede Jesu gipfelt die Forderung nach Gastfreundschaft in dem Satz: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen (…) Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Christus identifiziert sich mit dem Fremden, der uns nicht nah ist, uns aber trotzdem innerlich angeht und zutiefst berührt. Diese Berührung verdeutlicht P. Franz am Beispiel des Bettlers, der einfach nur dasitzt und dadurch etwas mit uns macht: er löst Gedanken in uns aus – soll ich ihm helfen?-, obwohl er nichts tut. Von seiner Fremdheit, Andersartigkeit und niedrigen bzw. erniedrigten Position werden wir im Herzen berührt. Der Bettler unterwirft mich (sub iacere) und bringt mich zum Nachdenken. Dadurch ruft er mich in die Verantwortung, Subjekt zu sein und als Subjekt zu wachsen und so zu meinem eigentlichen Kern zu kommen. Der Philosoph Emmanuel Levinas drückt das so aus: Das Ethische ereignet sich in der Begegnung mit dem Anderen, „von Angesicht zu Angesicht“.
Im Märchen „Der Arme und der Reiche“ klopft Gott als armer Wanderer an die Tür eines reichen Mannes und bittet um ein Nachtlager. Da er nicht aussieht, als hätte er viel Geld in der Tasche, verweigert der Reiche ihm die Bitte und lässt ihn vor der Tür stehen. Der Arme dagegen lädt ihn herzlich ein und teilt gerne das Wenige, das er hat, mit dem armen Wanderer – mit Gott. Wie sieht es bei uns aus? Steht unser Herz noch offen? Gott kommt inkognito. Würden wir ihn einlassen? Oder würden wir den richtigen Moment, den Kairos der Gastfreundschaft, verpassen und uns wie der reiche Mann abwenden? In seinem Buch „Glück kommt selten allein“ setzt der bekannte Arzt und Autor Dr. Eckart von Hirschhausen das Glück für Gott und fragt: „Stellen Sie sich vor, Sie wären das Glück. Wären Sie dann gerne bei sich?“
Die Regel des Hl. Benedikt beschäftigt sich in Kap. 53 mit der Gastfreundschaft und betont: „Alle Gäste, die kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden.“ Im Fremden kommt Christus zu uns. Die Gleichsetzung des Fremden mit Christus ist zum Kern des christlichen Glaubens geworden und hat größte sozialgeschichtliche Auswirkungen: 
Alle Gäste sind eingeladen, ob gläubig oder nicht. 
Sie sind eingeladen, sich in die Kommunität einzufügen. Die Gemeinschaft gibt ihnen Gelegenheit zum Auftanken auf ihrem Weg, sie öffnet sich und lässt den Gast an ihrem Leben teilhaben. Aber die Gemeinschaft gibt sich nicht auf, verbiegt sich nicht. Im Idealfall profitieren beide Seiten voneinander, die Gemeinschaft fühlt sich bereichert durch die Andersartigkeit und die neuen Gedanken und Standpunkte, die der Gast einbringt, ohne dass eine Seite die andere zu missionieren versucht.
Ein schönes Beispiel dafür stellt die Begrüßungstafel an der St. Peter´s Church in New York dar. Dort stehen nicht an erster Stelle Verhaltensregeln, sondern folgender Satz:
„Dies ist Gottes Haus. Komm herein, mach es zu deinem! Die Leute von St. Peter laden dich herzlich ein, hier zu verweilen, um zu beten und nachzudenken. Du bist auf der Suche nach einem erfüllten Leben, verbünde deinen Glauben mit dem unseren."

Ruinen

Den Sonntag leitete Cfr. Dr. Bernhard Stecker mit einer Bildbetrachtung der L´Abbaye des Chateliers ein. Er beschreibt seine Erschütterung angesichts der Überreste der im 12. Jahrhundert gegründeten und während der Hugenottenkriege im 16. Jahrhundert zerstörten Zisterzienserabtei auf der Ile de Ré: Ist diese Ruine ein Sinnbild für uns als Kirche? Ist das die Perspektive unserer Kirche, werden die Menschen nur noch Ruinen sehen? Wer redet heute noch von den Zielen der früheren Kriegsparteien? Was ist von ihnen außer der Zerstörung noch geblieben? Es ist einfach, die Kirche als von äußeren Kräften zur Ruine gemacht anzusehen. Aber: Produzieren nicht innerkirchliche Konflikte am Ende Ruinen? Damals ist es nicht gelungen, den geistlichen Aspekt im Reformanliegen positiv aufzugreifen und eine konstruktive Veränderung zu bewirken. Auseinandersetzungen, die nicht im guten Sinne geführt werden, führen zur Zerstörung. Allerdings mag es auch sein, dass nur von außen zerstört wurde, was von innen nicht mehr hielt. Hier zieht er die Parallele zur heutigen Zeit, in der Corona häufig tieferliegende, bereits länger bestehende Krisen offenbart und einem bereits sterbenden System nur den letzten Schlag versetzt. Vielleicht ist der Impuls, der sich beim Anblick der Ruine einstellt, nämlich das Bestehende erhalten zu wollen, verkehrt, und man muss sich der Realität stellen und die Situation nehmen, wie sie ist.
Der von den Bischöfen in das Konzilsdokument „Lumen Gentium“ aufgenommene Gedanke, Maria als Urbild der Kirche zu sehen, die Christus empfängt, ihn zur Welt bringt, aber nicht besitzt, ihm in mystischer Weise nah ist, ihn aber nicht in der Hand hat, geht von diesem Ort aus. Das dahinterstehende Gottesbild drückt die Unverfügbarkeit Gottes aus, für den wir letztlich keine Begriffe mehr haben, so dass uns im positiven Sinne die Worte fehlen und wir anfangen müssen zu schweigen.
Isaak von Stella, der Gründer der Abtei Les Chateliers, verfasste einen Kommentar zum Messkanon in Form eines Briefes an John of Canterbury, den Bischof von Poitiers. Darin sieht er die Beziehung zwischen Gott und Mensch wiedergegeben durch drei Altäre, die der Mensch in der vorgegebenen Reihenfolge „abarbeiten“ muss: am Altar der Knechtschaft muss er ablegen, wodurch er sich selbst verknechtet, und erreicht dann über den Altar der Freiheit den Altar der Einheit, wo er zur reinen Anschauung und Einheit mit Gott gelangt. Unerlässlich ist es jedoch, zuerst den Altar der Knechtschaft hinter sich zu lassen, bevor der Mensch den nächsten Entwicklungsschritt in Richtung Freiheit und Einheit tun kann.
Vielleicht -so Cfr. Dr. Bernhard Stecker - markiert die Ruine als prophetisches Zeichen den Punkt, an dem wir als Kirche den nächsten Schritt tun müssen. Eine bestimmte Sozialform verändert sich mit der Zeit. Möglicherweise schauen wir zu oft auf Ruinen in dem Wunsch „das muss doch bleiben“, während wir schon auf dem Weg sind, auf neue Art Kirche zu sein und dabei ertragen müssen, dass wir vertraute Gebäude, Ideen und Traditionen hinter uns lassen müssen.

Gottesferne und -nähe 

Diese Impulse unseres Provinzpriors nahm P. Franz auf und schlug mit einigen Gedanken zur Leere den Bogen zurück: Gott steht erst am Ende einer langen Geschichte. Davor aber steht die Herausforderung, das Gefühl und den Schmerz der Leere auszuhalten.
Am Begriff des Leerguts zeigt sich, dass auch die Leere einen Wert in sich tragen kann – auch wenn das Angewiesensein auf Leergut als Lebensunterhalt ein trauriges Bild darstellt. Leere ist schmerzhaft spürbar beim Tod eines geliebten Menschen und im Angesicht einer Katastrophe. Die Erfahrung, dass Gott fehlt, sich entzieht, seine Stelle leer wird, bewegt uns. Gleichzeitig ist der Punkt, an dem wir sagen „Du fehlst!“ der Ausgangspunkt des Glaubens. 

Der Gott, den es nicht gibt,
in mir ein dunkler Riss,
ist meiner Seele nah,
so oft ich ihn vermiss.
(Christian Lehnert)

Der im Blick auf die Flutkatastrophe verfasste „Ahr-Psalm“ von Monsignore Stephan Wahl folgt der Tradition alttestamentlicher Klage-Psalmen und endet:

Auch wenn du mir rätselhaft bist, Gott,
noch unbegreiflicher jetzt, unendlich fern,
so will ich dennoch glauben an dich,
widerständig, trotzig, egal, was dagegen spricht.
Sollen die Spötter mich zynisch belächeln,
ich will hoffen auf deine Nähe an meiner Seite.
Würdest du doch nur endlich dein Schweigen beenden,
doch ich halte es aus und halte dich aus, oh Gott.
Halte du mich aus!
Halte mich!“

P. Franz endete mit der Zusage „je näher man Gott kommt, desto ferner ist man ihm“ und dem folgenden Perspektivwechsel von Andreas Knapp:

Von gott aus gesehen
ist unser suchen nach gott
vielleicht die art und weise,
wie er uns auf der spur bleibt
und unser hunger nach ihm das mittel
mit dem er unser leben nährt

Mit herzlichem Dank für die geistliche Gestaltung des Wochenendes wandten sich die Secretaria der Norddeutschen Provinz Csr. Margret Strake und Cfr. Pfr. Christoph Lindner an Pater Franz und Cfr. Dr. Bernhard Stecker, und überreichten ihnen je einen Korb „Gastfreundschaft to go“ mit allen Zutaten, die man braucht, um Gäste zu bewirten. Besonders dankten sie – auch im Namen unseres Provinzpräsidenten, Cfr. Dr. Arnold Spallek, und der gesamten Provinz, unserem Prior Cfr. Dr. Bernhard Stecker, der den Geist der Tagung durch die Klammer von geistlicher Begleitung, Gebet – und Gottesdienstzeiten und die herzliche Atmosphäre prägt, und dessen zweite Amtszeit als Provinzprior in diesen Wochen endet.

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