Aktuelles aus unserem Orden

An den Ufern von Babylon - Impuls zum 1. Fastensonntag 2022

Im Jahr 1978 eroberte die deutsche Popgruppe Boney M. die Hitparaden mit dem Gesang: „By the rivers of Babylon“. Im Hintergrund dieses Songs steht der Psalm 137. Damit hat die Popgruppe eine alte Tradition aufgegriffen: Christinnen und Christen haben die Psalmen des Ersten Testaments durch alle Jahrhunderte hindurch gesungen. Sie haben dabei in den Psalmen einen ersten Ausdruck ihrer Erfahrungen mit Jesus Christus gefunden.
Verse des Psalms 137 sind auch die textliche Grundlage für das Psalmenlied „Wir, an Babels fremden Ufern“, das unter der Rubrik „Bitte und Klage“ im Gotteslob unter der Nummer 438 zu finden ist.
Der Dominikanerpater Diethard Zils hat ungefähr im Jahr 1970 die englische Übersetzung einer Vorlage aus Lettland in die deutsche Sprache übertragen. Veröffentlicht wurde dieser Gesang aber erst 1992. Die Herkunft der Melodie ist ungeklärt. Im Gotteslob angegeben ist: aus Lettland. Offensichtlich gibt es aber auch Hinweise auf die Ukraine, die aber im Zusammenhang mit der Erstellung des Gotteslobs nicht belegt werden konnten.

Der Psalm 137

Der erste Teil des Psalms (die Verse 1-6), der im Gesang „Wir, an Babels fremden Ufern“, textlich aufgenommen wurde lautet:

An den Strömen von Babel, da saßen wir und wir weinten, wenn wir Zions gedachten.
An die Weiden in seiner Mitte hängten wir unsere Leiern. 
Denn dort verlangten, die uns gefangen hielten, Lieder von uns, unsere Peiniger forderten Jubel: Singt für uns eines der Lieder Zions!
Wie hätten wir singen können die Lieder des HERRN, fern, auf fremder Erde?
Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll meine rechte Hand mich vergessen.
Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht mehr gedenke, wenn ich Jerusalem nicht mehr erhebe zum Gipfel meiner Freude.

Nach diesen ersten sechs Versen lässt der Psalmist seinen Rachefantasien allerdings freien Lauf. Im Hintergrund steht wohl die Erfahrung der Zerstörung Jerusalems und das Leiden im Exil. Die Verse 7-9 vom Psalm 139 lauten:

Gedenke, HERR, den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems, die sagten: Reißt nieder, bis auf den Grund reißt es nieder!
Tochter Babel, du der Verwüstung Geweihte: Selig, wer dir vergilt deine Taten, die du uns getan hast!
Selig, wer ergreift und zerschlägt am Felsen deine Nachkommen!

Diese Psalmverse empfinde ich als Herausforderung. Mir hilft der Gedanke, dass am Anfang des Verses 7 die Anrufung „HERR“ steht. Allein Gott vermag Gerechtigkeit heraufzuführen. Tröstlich ist auch, dass diese Verse nicht zu Gewalt und Terror aufrufen – auch wenn Rachegedanken zugelassen werden. Diese Gedanken werden sogar im Gebet vor Gott getragen. 

Der Gesang „Wir, an Babels fremden Ufern“

Im Gesang „Wir, an Babels fremden Ufern“ sind die ersten vier Strophen von den Psalmversen (Ps 137,1-6) her getextet. Sie lauten: 

Wir, an Babels fremden Ufern, weit entfernt vom Heimatland, legen unsre Instrumente still und traurig aus der Hand.
Lassen unsrer großen Sehnsucht, unsern Tränen freien Lauf, und wir hängen unsre Harfen in den Weidenbüschen auf.
Die uns hier gefangen halten, fordern frech von uns ein Lied: „Singt ein Lied von Zions Liedern, wenn ihr hin zum Tempel zieht!“
Doch wir können hier nicht singen, fern von Zion, ohne Land. Wenn ich, Zion, dein vergäße, soll verdorren meine Hand.

Die letzte Strophe des Liedes greift nicht mehr Psalmverse auf. Sie lenkt die Aufmerksamkeit vielmehr auf das Kreuz Jesu. Jesus hat durch sein Leiden und seinen Tod die Spirale der Macht, der Gewalt und des Terrors aufgebrochen. Mit dem Stichwort „Auferstehung“ wird der österliche Gedanke angesprochen. Die Formulierung „ziehn wir aus der Sklaverei“ erinnert an die Exodus-Erzählung von der Befreiung des Gottesvolkes – in jeder Osternacht lesen wir diese alttestamtliche Lesung. Die letzte Liedstrophe lautet:

Jesu Kreuz sei meine Hoffnung gegen jede Tyrannei, und durch seine Auferstehung ziehn wir aus der Sklaverei.

Instrumente – vom Wind gespielt

Pater Reinhard Körner hat darauf hingewiesen, dass Israeliten in der Fremde die Leiern nicht an die Weiden hängten, um die Instrumente zu „entsorgen“. Vielmehr hängten sie die Leiern auf, damit der Wind auf den Saiten spielt. Im Orient sei es Brauch gewesen, Zupfinstrumente so aufzuhängen, dass der Wind über die Saiten des Instrumentes streichen konnte, so dass ein leiser, aber wunderschöner Ton erzeugt wurde. Möglicherweise dachten hebräisch denkende Menschen beim Wind auch an den Geist Gottes (ruach): durch die leisen und zarten Töne spricht Gott zu den Menschen. Wenn die Deportierten an den Flüssen Babylons auf diese Weise ihre Instrumente hörten, mögen sie sich daran erinnert haben: Gott spricht zu ihnen auch in der Fremde.

Der Psalm 137 in der Österlichen Bußzeit des Jahres 2022

  • Wir, die Damen und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, haben in diesem Jahr das Leitwort: „Bei Tag und bei Nacht über Gottes Weisung nachsinnen“ (vgl. Psalm 1,2b). Dieses Leitwort will uns ermutigen, die Psalmen zu beten, zu betrachten, über sie zu sprechen. 
  • Der Krieg in Osteuropa erschüttert uns. Manche möchten in ihrem Gebet der „Bitte und Klage“ vor Gott Raum geben. Wenn wir das Psalmenlied aus dem Gotteslob singen, stellen wir eine Verbindung zu den Menschen in der Ukraine her, die in ihrem Land leiden oder auf der Flucht sind und sich an fremden Flüssen aufhalten, denn möglicherweise stammt die Melodie sogar aus der Ukraine. 
  • Der Psalm fordert mich heraus. Er stellt mir die Frage: Wie gehst du mit deinen Rachegefühlen um? Haben deine „dunklen Seiten“ auch einen Platz im Gebet? 
  • Die an die Weiden gehängten Leiern haben zarte Töne hervorgerufen und damit die Sehnsucht wachgehalten: Gott ist uns nahe auch in den schweren Situationen unseres Lebens. 
  • Mit den Worten unseres Ordensgebets beten wir: „Sende uns den Heiligen Geist (ruach). Ermutige uns zu glaubwürdigem Zeugnis in Tat und Wahrheit; öffne unsere Augen, Ohren und Herzen für die Wunden und Nöte der Menschen unserer Tage, …“.

Literatur: 

  • Michael Pfeifer: Wir, an Babels fremden Ufern, in: Ansgar Franz, Hermann Kurzke, Christiane Schäfer (Hg.): Die Lieder des Gotteslob. Geschichte – Liturgie – Kultur, Stuttgart 2017, 1175-1177.
  • Reinhard Körner: Lose Blätter, zugeweht. Wie Weisheit zu uns sprechen kann, Leipzig, ohne Jahresangabe [2020], 106f.

Confrater Domkapitular Dr. Martin Schomaker, Osnabrück
 

 

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