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29.01.2017 12:16

Predigt zum Pontifikalamt in der Stiftskirche St. Johann Baptist und Petrus am Sonntag, dem 25. September 2016 von S.S. Patriarch em. Fouad Twal

Exzellenzen, liebe Brüder und Schwestern! Zunächst möchte ich meinen Dank bekunden für die Einladung zu diesem Investiturtreffen. Sie haben mich eingeladen, weil ich einst in Ihrer Komturei als Mitglied des Ritterordens aufgenommen worden bin. Da ich kürzlich mein Amt als fungierender Patriarch von Jerusalem zurückgeben durfte, bin ich jetzt hier bei Euch, nicht mehr als Großprior des Ritterordens, sondern als einfaches Mitglied, und ich fühle mich mehr in der Familie, frei, ohne Furcht stören zu können, nur noch eine kleine, schwache Stimme. Aber unter den Mächtigen gibt es solche, die selbst unsere schwache Stimme nicht gerne hören. Wir sollen still sein, weil die Wahrheit weh tut und unangenehm ist. Die Großen wollen nicht gestört werden. In der zweiten Lesung, aus dem esten Brief des Hl. Paulus an Timotheus, weist der Apostel seinen Schüler an, wie Jesus Zeuge der Wahrheit vor Pilatus gewesen ist, in gleicher Weise zu verfahren, die Wahrheit, den rechten Glauben und das rechte christliche Verhalten zu bezeugen und zu lehren.

Auch für unsere Zeit, für unsere Gesellschaften heißt das, in Vielem gegen den Mainstream zu agieren und dem klaren Evangelium zu folgen, ohne complex. Heißt es nicht in den eigenen Worten Jesu: „Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt; und es sind viele die darauf gehen“ (Mt 7,13). Ist das nicht gerade ein Wort besonders für unsere Situation in der modernen Welt, wo die christlichen Werte pervertiert werden, wo das Gute schlecht und das Böse gut genannt wird. Und es sind gerade die so gepriesenen demokratischen Regierungen, welche pervertierte moralische Praktiken, durch Gesetze schützen, und oft genug selbst darin verwickelt sind.

Himmelschreiende Ungerechtigkeiten erfüllen viele Völker dieser Erde, als Folge von Arroganz der Mächtigsten, die meinen, sie hätten das Privileg über besiegte Völker zu herrschen, deren Länder nach Gutdünken aufzuteilen, wie es die Briten und Franzosen nach dem ersten Weltkrieg im Nahen und Mittleren Osten getan haben, mit all den fürchterlichen Folgen, die heute als Kriegs- und Terrorwalze die ganze Welt in Schrecken hält. Die Interessen- und Stellvertreterkriege, welche die USA im Irak geführt haben und gegenwärtig in Syrien fortsetzen sind, zusammen mit dem Vorhergesagten Hauptschuld an der Entwicklung zum terroristischen Islamismus. Und nicht zu vergessen, der Stein des Anstoßes, der zur Zeit aus den Medien in den Hintergrund verschwundene Israelisch- Palästinensische Dauerkonflickt, der einer der Ursachen für den Gesamtkonflickt darstellt.

Dazu kommen zwei mächtige Autokratien, die russische und türkische, die sich beide als Pulverfaß gebärden könnten. Wir stehen vor unvorhersehbaren Ereignissen in der Gegenwartsgeschichte. Heute fragen wir nicht, welche Verantwortung und Rolle der Westen hinsichtlich des zu Fall bringens des Extremismus hat, sondern welche Rolle er hinsichtlich der Geburt des Extremismus spielt. Der Stolz, die Überheblichkeit hat in der Menschheitsgeschichte, immer wieder zu fürchterlichen Kriegen geführt. Die Mächtigen suchen nicht die Ehre Gottes, sondern machen sich selbst zu Göttern. Die Christenheit muß aufwachen aus ihrem Wohlstandsschlaf. Es ist höchste Zeit, sich ganzherzig Gott zuzuwenden, betende Menschen zu werden, die Gott bestürmen können, damit ER eingreifen kann mit Seiner Barmherzigkeit. Wir stehen im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Im Eingangsgebet geht es um die Barmherzigkeit Gottes mit dem reumütigen Sünder, mit uns! Und unsere Welt stecktbis zum Hals in der Sünde. Das heutige Evangelium spricht von einem herzlosen, reichen Mann, der dem armen, kranken und leidenden Menschen nicht einmal seinen Abfall gönnt. Jesus mahnt auch in anderen Parabeln zur Barmherzigkeit mit den Menschen in Not, wer immer sie auch seien, und Er identifiziert sich mit ihnen: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan ... und ... was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch

Mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25, 31 ff). Der Heilige Geist, der die Liebe selbst ist, erleuchtet unseren Geist, öffnet uns die Augen für Jesu Leiden in unseren Mitmenschen, wo immer sie auch seien. Zuerst natürlich ist der Nächste genau der Mensch, der gerade an unserer Seite ist, der unseren Weg kreuzt: die Familie, die Arbeitskollegen, die Gemeindmitglieder, dann aber auch unsere Gesellschaft und alle Menschen, bis an die Grenzen der Erde, denn soweit gilt der allgemeine Missionsauftrag des Herrn. Beim Tun der Werke der Barmherzigkeit, kann es für uns Christen, nicht auch um Anerkennung und Ehrerweisungen gehen, um den Stolz für unsere guten Taten,damit möglichst viele davon wissen. : „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch – sie haben ihren Lohn bereits erhalten“ (Mt 6, 1-2).

Die Kinder Gottes beweisen, zeigen sich dadurch, dass sie vom Heiligen Geist getrieben sind. . Sie fragen nicht nach Ehre bei den Menschen. Wie Jesus sagt: „Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen ist, so sprecht: wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir schuldig waren“ (Lk 17, 7- 10).

Ein Elitegefühl im kirchlichen Establishment hat es nötig, sich in Demut und Güte zu wandeln. Niemand dünke sich mehr oder höher als ein anderer, sondern wie Paulus sagt: „in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst“ (Phil 2, 3).

Wenn die Kirche, in dieser Weise umgestaltet wird , sich vom Heiligen Geist umgestalten läßt, und das Volk Gottes somit vom Heiligen Geist „getan“ wird,dann haben wir die notwendige Erneuerung, die unser Volk, Europa, vom breiten Weg, der ins Verderben führt, wegreißt und den Heilsweg des Evangeliums beschreitet, zur Rückführung zu Gott und Gesundung unserer Völker. Dann werden die Muslime in unseren Ländern,uns nicht mehr wegen unserer Gottlosigkeit verspotten können, sondern werden uns achten, und vielleicht vom vorgelebten Licht des Evangeliums angezogen.

Das ist auch so wichtig für die Flüchtlinge, die alles zurücklassen mußten. Sie brauchen das ganze tägliche Brot, für den Leib und für die Seele. Sie brauchen das Zeugnis des Glaubens in Beispiel und Wort der Christen unserer Länder, besonders die christlichen Flüchtlinge, aber auch die Andersgläubigen. Ich komme aus dem Nahen Osten und habe meine Sorge um Europa versucht zum Ausdruck zu bringen. Aber genau das Gleiche gilt natürlich für die kleine Christenschar in meinem Land. Auch dort muß der Glaube neu eingepflanzt, zum Leben gebracht werden, sonst wird die Mutterkirche von Jerusalem, über kurz oder lang aus dem Sichtfeld verschwinden.

Die Stimmen junger Christen selbst aus Israel mehren sich, die am liebsten das Land verlassen würden, wenn ihnen dazu die Gelegenheit geboten würde, weil sie hier nicht ausreichende Perspektiven für die Zukunft sehen. Arabische Christen, leiden nicht nur unter Muslimen, sondern auch von jüdischer Seite an Diskriminierung. Die jungen Leute wollen keine Privilegien. Sie wollen lediglich ihr Bürgerrecht, wollen arbeiten, an der Entwicklung ihres Landes Teil haben in Freude und Friede in ihren Familien. Sie sehnen sich nach Reise- und Bewegungsfreiheit und Gleichheit, Menschenrechte, die hier nur eingeschränkt zu haben sind, im Westen ihnen jedoch garantiert scheinen.

In ihrer Heimat gehalten werden die jungen Christen wesentlich durch zwei Elemente: starke Familienbande und bei einigen das Bewußtsein ihrer besonderen Berufung als Christen der Mutterkirche. Dieses Berufungsbewußtsein gilt es zu stärken. Dazu braucht es einen tiefen Glauben und die Liebe zum Herrn. Das besser zu vermitteln, muß vornehmste Aufgabe der Kirche im Heiligen Land sein. Soziale Hilfe ist sicherlich notwendig, und wir müssen sie sogar verstärken, aber der Pastoraldienst muß auf jeden Fall überwiegen. Die Gläubigen brauchen Spiritualität, die ihre Identität als lebendige Steine an heiliger Stätte bewußt macht und stärkt.

Dazu muß vor allem der einheimische Klerus inspiriert werden. Das geht nicht ohne die brüderliche Hilfe aus lebendigen Kirchengemeinden des Auslands, das geht nicht ohne das inständige gläubige Gebet unserer Brüder und Schwestern aus der Weltkirche.

Die Mutterkirche, die aus ihren Ortsquellen selbst so viel zu geben hat, benötigt die geistlichen Impulse auch von außen zu Inspiration und Erneuerung, damit sie wirklich eine zutiefst betende Kirche wird, die ihre ganze Kraft wieder aus der Gegenwart des lebendigen Gottes schöpfen kann. Helft uns bitte, wir wollen bestehen und unsere Sendung erfüllen.

Wie Sie wissen, stamme ich aus Jordanien und wohne jetzt auch wieder dort. Da ist die Situation etwas anders als in Israel und Palästina.

Wir helfen vielen irakischen christlichen Flüchtlingen, besonders durch die Caritas und dürfen den Erfolg sehen, durch mutige und hoffnungsvolle Neuanfänge. Einige irakische Christen sind uns Beispiel geworden für eine Zuversicht, der wir folgen sollten. Sie haben im Irak alles verloren, nicht aber ihren Glauben und ihr religiöses Leben. Die Kriegs- und Flüchtlingssituation in den Nachbarländern Syrien und Irak, hat starke Wirkung bei unseren jordanischen Christen hinterlassen. Man kann von einer Bekehrungswelle sprechen. Der Glaube spielt wieder eine zentrale Rolle. Wenn man sonntags einen Platz in der Kirche finden will, muß man frühzeitig da sein, sonst bleibt nur der Vorplatz außerhalb. Gebet aus Glaube, Hoffnung und Liebe sind die Mittel zu Gottes Barmherzigkeit. Aber die Kriegslage muß beendet werden.

Christliche Hauptverantwortliche des Mittleren Ostens, dabei sechs katholische und orthodoxe Patriarchen, sind am sechzehnten September in Amman, zu einem Treffen des Kirchenrates des Mittleren Ostens zusammen gekommen. Sie haben vereinbart, eine Delgation zu wichtigen politischen Zentren zu senden, um das Schicksal der Christen des Mittleren Ostens zu erläutern. Sie erklärten auch ihr Wohlwollen über die Muslimischen Führer, welche die Gewalt verurteilt und die internationale Gemeinschaft aufgefordert haben, aufzuhören, die terroristischen Gruppen im Syrischen Bürgerkrieg zu fördern. Möge Gottes Barmherzigkeit alle Menschen erreichen, die Kriegs- und Terroropfer, die Verfolgten, Entrechteten und Diskriminierten, die Sterbenden, Kranken und Armen, die Gefangenen und Obdachlosen, und auch die Mächtigen in Staat und Kirche, damit sie sich ihrer großen Verantwortung bewußter werden, und sich den Menschen in demütigem Dienst widmen.

Ich habe oft gesagt, daß die Mutterkirche von Jerusalem eine Kirche des Kreuzweges ist. Aber wir wissen, daß es eine Auferstehung gibt. Und in dieser Hoffnung, gehen wir unseren Weg nach vorn. Ein solches Fortschreiten im Geiste Jesu, und in der Berufung im Orden der Grabesritter, wünsche ich von Herzen, allen neuinvestierten Damen und Rittern und ihren Familien.

 

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