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Mit Augustinus im Heiligen Land

Cfr. Dr. Werner Garsky

„Die Welt ist ein Buch, wer nie reist sieht nur eine Seite davon.“ Getreu dieser Erfahrung des heiligen Augustinus ging die ostdeutsche Ordensprovinz am 23. September 2013 auf Pilgerreise ins Heilige Land. Wir haben viele Seiten kennengelernt: Schöne und Traurige. Die erste Erfahrung war der herzliche, liebenswürdige und uns umsorgende Empfang und die Gastfreundschaft der Borromäerinnen im Gästehaus St. Charles in Jerusalem.

Die für das Land schreckliche politische Situation und Spannung zeigte sich am zweiten Tag, als wir unsere Fahrt zu den Patriarchengräbern in Hebron nicht antreten konnten. Das ganze Gebiet war hermetisch abgeriegelt, da am Vortag ein israelischer Soldat von einem palästinensischen Scharfschützen getötet worden war. Wir besuchten stattdessen Ausgrabungen und feierten die Messe und beteten im Sinne von Psalm 122: „Erbittet für Jerusalem Frieden. Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit.“

Am folgenden Tag besuchten wir unsere Patengemeinde Aboud im Westjordanland. Die positive Überraschung war die gute Infrastruktur der Gemeinde. Kirche, Schule, Kindergarten und Gemeindesaal waren in sehr gutem Zustand und die uns umringenden Kinder rührten alle an. Auch ein von der Gemeinde gestaltetes Festmahl zeigte uns die Verbundenheit und für jeden Teilnehmer wurde erkennbar, dass unsere Advents- und Karfreitagsopfer fruchtbringend angelegt sind. Leider war auch hier die hässliche Seite des Lebens palästinensischer Christen nicht zu übersehen. Mitten in ihrem Gebiet, in der unmittelbaren Nähe von Aboud, waren zwei neue israelische Siedlungen gebaut worden. Auch die einführenden Begrüßungsworte von Father Youssef ließen die Spannungen zwischen den Parteien deutlich werden.

Nach einer Weiterfahrt über Nazareth trafen wir am Nachmittag in Tabgha ein. Wieder wurde eine neue Erlebnisseite für uns sichtbar. Die wunderbaren Landschaft bei sommerlichen Temperaturen, die blühenden Gewächse, die Palmen sowie den herrlichen See wird keiner so schnell vergessen. Unter der sachkundigen und theologischen Leitung - die gelegentlich die Qualität eines Oberseminars für Neutestamtler erreichte - von Cfr. Pfr. Dr. Lauber fuhren wir am Donnerstag zum Berg der Seligpreisungen und nach Kafarnaum. Mit einer Bootsfahrt über den See und nicht ganz zutreffender maritimer Beflaggung endete dieser Tag.

Der letzte Tag der Pilgerreise - bevor die Investitur begann - führte uns an die Jordanquellen und das Tote Meer zurück nach Jerusalem. Auf dem Ölberg machten wir eine kleine Pause, um den Blick auf die Stadt, die alte osmanische Mauer und das Kidrontal zu genießen. Die Wirklichkeit holte uns wieder ein. Dumpfes Knallen in der Altstadt begrüßte uns. Später stellte sich heraus, dass es scharfe Schüsse der Armee gegen demonstrierende Palästinenser gewesen waren.

Die Pilgerreise hat uns die heiligen Stätten und die damit verbundenen Glaubenswahrheiten noch näher gebracht. Die Ordensgemeinschaft hat durch das Zusammensein über einen längeren Zeitraum gewonnen, da wir jetzt mehr voneinander wissen und uns besser kennen. Nicht zuletzt sei auch noch neben den bereits aufgezeigten neuen Erkenntnissen eine letzte Reiseseite genannt. Wir haben den Stern von Bethlehem erlebt, obgleich noch nicht Weihnachten war. Es ist der köstliche Rotwein, der dort seit dem Altertum angebaut wird.

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