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„Der Herr ist mein Hirte“

Cfr. Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff

Im Sonntagsgottesdienst der Investiturfeier stellte der Bischof von Aachen den 23. Psalm in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Dabei erinnerte er auch an den Welttag der geistlichen Berufe, der an diesem Sonntag begangen wurde.

Der 23. Psalm gehört für mich zu den schönsten Gebeten Israels und der Christenheit. „Der Herr ist mein Hirt“. Wozu brauchen wir einen Hirten? Der Hirt hütet die Schafe. Der Mensch ist kein Schaf, sondern selber Hirt. Warum versteht sich der Beter als Schaf, das einen Hirten braucht? Führt dieses Bild nicht an dem vorbei, was für den Menschen wesentlich ist? An seiner Fähigkeit zur freien Selbstbestimmung? Freie Selbstbestimmung, das ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Aber das ist es gerade nicht, worum der Beter bittet und was ihn interessiert. Ihn interessiert, was den Seligen vom Verlorenen unterscheidet - und das ist nicht die freie Selbstbestimmung, denn daran haben Beide, der Gottlose und der Selige, teil. Die freie Selbstbestimmung ist eine Befähigung, aber keine Orientierung. Sie ist nicht der Kompass, der das Schiff automatisch in die richtige Richtung lenkt und gleichzeitig frei darüber entscheidet und verfügt, wo der Norden und wo die richtige Richtung ist. Die freie Selbstbestimmung ist Mittel, aber sie ist weder Ziel noch Weg. Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, wir müssen uns nach der Wahrheit richten. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32). Um dies zu können, müssen wir der Wahrheit ansichtig werden. Sie muss uns gezeigt und geoffenbart werden. Der Hirt ist es, der den Weg zeigt; er ist es, der uns den Weg möglich macht.

Gott ist Hirte

Nicht wir setzen die Rahmenbedingungen unseres Handelns, sie sind uns vielfach gesetzt. Nicht wir haben uns unsere Eltern und unser Milieu ausgesucht. Nicht wir haben uns unsere Begabungen, Fähigkeiten gegeben und ggf. unsere Defizite ausgesucht. Viel ist uns vorgegeben durch Geschichte und Gesellschaft. Sogar die Ergebnisse und Folgen unserer freien Handlungen können wir nicht allein bestimmen. Insofern sind wir nicht unsere eigenen Hirten.

Der Beter bezeugt uns seine gute Erfahrung: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen“. Er vertraut auf Gottes Führung; er verlässt sich auf Christus und sein Weggeleit durch das Evangelium. Sie sind ihm Kompass und Landkarte. Der Beter singt: „Der Herr, er ist mein Hirt“. Das ist seine Erfahrung: ich bin nicht ein Staubkorn im Weltall, kein Rad im Getriebe dieser Welt, nicht entfremdet in äußere Zwecke, Zwänge und Funktionen, sondern heimgekehrt zum Ursprung meines Wesens und Seins. „Ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen“ (1 Petr 2,25).

Rastplatz bei Gott

Nichts wird mir fehlen. Er führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Der Weg, den Gott uns führt, mündet in die Fülle. Wir dürfen vertrauen, dass Gott uns den rechten Weg führt und alles, was uns begegnet, zur „Labung der Seele“ werden lässt. Für den, der sich Gottes Führung versagt, ist nichts „grün“ und „frisch“. Die Welt ist ihm alt, die Weiden sind abgefressen, die Wasser abgestanden. Sie stehen vor den Wüsten des Lebens und den Tümpeln verlorener Hoffnung. Für den Glaubenden geht jeder Augenblick der Geschichte und der Begegnungen als ihm zugedachtes Ereignis neu aus Gottes Schöpferhand hervor. Er findet darin die je neue Möglichkeit, den Willen des Vaters zu tun und darin sein eigenes Wesen zu verwirklichen. Jeder neue Augenblick, jede neue Begegnung wird ihm im Glauben Gabe Christi: „frisches Grün“ und „frisches Wasser“. Alles kann zur „Labsal der Seele werden“.

Den tiefsten Grund der Geborgenheit in Gott findet der Beter in dem Vers: „Er leitet mich auf rechten Pfaden um seines Namens willen“. Was ist Gottes Interesse an uns? Sein Interesse ist kein unserem Wesen fremdes Interesse. Wir können seine Herrlichkeit darstellen, indem wir sind, als was er uns gedacht hat und denkt. In der Präfation beten wir: „Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren. Es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken. Uns bringt er Segen und Heil.“ Dass er uns den Weg führt, um „seines Namens willen“, ist der höchste Ausdruck unserer Geborgenheit in Gott, in seiner Liebe. Die Liebe, mit der er uns liebt, ist die Liebe, mit der er sich selbst in seinem Sohn durch den Heiligen Geist liebt, in seinem Sohn, der für uns zum Weg geworden ist. Sehr schön sagt Augustinus: „Cum ipsa esset patria, viam se fecit ad patriam“. Da er selbst die Heimat ist, hat er sich zum Weg in die Heimat gemacht.

Gott steht bei

Diese Gewissheit begleitet den Gläubigen auch in den dunklen Erfahrungen des Lebens, „im Schatten des Todes“. Wo Gott bei mir ist, da sind nicht alle Probleme gelöst, alle Fragen beantwortet, alle Schatten beseitigt. Aber wo Gott als Hirt erfahren wird, da enden die Fragen, da vergeht die Angst.

„Dein Stecken und dein Stab, die trösten mich“. Dieser Vers lässt mich an den schönen Kreuzstab denken, den Papst Johannes Paul II. und nun wieder Papst Franziskus trägt. Am Kreuzstab Christi können wir uns festhalten. Mit dem Hirtenstab vertreibt der „gute Hirt“ die Raubtiere, das andringende Böse, das Unheimliche mancher Situation. Der Stab  symbolisiert die Sicherheit des Weges. Christus, der „gute Hirt“ gibt die Sicherheit des Weges. Es ist die Sicherheit des Glaubens und der Heilstat Christi im Kreuz. Im Schatten des Todes blicken wir auf die gekreuzten Hölzer von Stecken und Stab, die uns Trost geben. Der Schatten des Todes wird dem Beter verwandelt in den bergenden Schatten des Kreuzes.

Und nun wandelt sich das Bild: an die Stelle der grünen Aue und der frischen Wasser tritt der gedeckte Tisch „im Angesicht der Feinde“. Im Angesicht der Feinde am gedeckten Tisch sitzen und es sich schmecken lassen - nichts demonstriert schöner die Ohnmacht aller feindlichen und bedrohlichen Mächte und Gewalten. Der Anblick der Feinde verdirbt dem Beter nicht den Appetit. Das Mahl wird transparent auf das eschatologische Hochzeitsmahl jenseits der Todesgrenze in Gottes Ewigkeit, das Jesus uns verheißen hat. Die Feinde bereiten sogar Tisch und Mahl, so jedenfalls sahen die Märtyrer der alten Kirche ihre Henker, die ihnen die Tür zum ewigen Gastmahl öffneten, eine Perspektive, die den Feinden ganz verborgen bleibt, ein Gedanke, der mir wichtig ist, weil wir Christen heute die am meisten verfolgte Gruppe auf der Welt sind. Dieses ewige Gastmahl wird bezeichnet und vorweggenommen im eucharistischen Gastmahl der Kirche. So verdichtet sich der Psalm zu sakramentaler Symbolik.

Anteil an Gottes Wirken

„Du salbst mein Haupt mit Öl“. Daran denke ich, wenn ich in die Gesichter so vieler Menschen schaue, die ich mit dem Chrisam bei der Firmung im Glauben stärke. Öl ist das Zeichen festlicher Freude und religiöses Symbol. Priester, König und Prophet wurden schon im Alten Testament mit dem heiligen Öl gesalbt und gehören damit der göttlichen Sphäre an, in die auch wir als Gefirmte einbezogen sind. Sie erhalten Anteil an der Dimension des himmlischen Gastmahls in Gottes Herrlichkeit, das so sakramental gedeutet und gegenwärtig wirksam wird. Der Becher, der „Kelch des Heiles“, „voll und herrlich“, „hoch voll zur Lust der Seele“ - wie wir es in einem Lied singen - es ist der Kelch mit dem Blut Christi, den er „in seine heiligen und ehrwürdigen Hände“ nahm.

Am Schluss des Psalms leuchtet noch einmal sein Anfang auf: „Nichts wird mir fehlen“. Was dem Beter Sicherheit gibt, ist der Blick auf Gottes Barmherzigkeit, die uns Papst Franziskus so sehr anempfiehlt, weil sie die Wesenseigenschaft Gottes ist und unsere eigene missionarische Möglichkeit andeutet, immer mehr „arme Kirche mit den Armen“ zu sein, sie zu unseren Freunden zu machen. In ihnen begegnen wir dem lebendigen Christus. Barmherzigkeit heißt ja lateinisch misericordia. Darin steckt das Wort cor, Herz. Wir sollen ein Herz haben für die miseri, für die, die in Elend, Armut und Not leben, die Ausgegrenzten, an denen man achtlos vorbeigeht, an denen, die in tiefer Misere stecken. Geborgenheit in Gott gründet in der barmherzigen Zuwendung Gottes „mein Leben lang“. Diese Geborgenheit in Gott soll erfahren werden im Haus Gottes, in der Kirche, in der Gemeinschaft aller, die von Gott geliebt sind. „Und weilen darf ich im Haus des Herrn für lange und lange Zeit“. Wer am Tisch des Herrn Platz genommen hat, wessen Haupt mit Öl gesalbt wurde, wer in die sakramentale Welt der Kirche eingetreten ist, der steht nicht mehr am Scheideweg, der schwimmt nicht allein gegen den Strom, der ihn wegreißt, der wird nicht mitgerissen auf dem Marsch der Gottlosen. Er ist schon in der rettenden Arche, er ist schon wie der verlorene Sohn ins Haus des barmherzigen Vaters heimgekehrt. Er darf weilen im Haus des Herrn in der eucharistischen Gemeinschaft mit Christus und der Kirche „für lange und lange Zeit“.

Der Weltgebetstag für die geistlichen Berufe ruft uns zur Sorge und zum Gebet für mehr Berufungen zum priesterlichen Dienst. Wenn wir so beten, und mit der Kirche leben dürfen wir weilen im Hause des Herrn „für lange und lange Zeit“, das heißt für die Zeit Gottes und diese heißt Ewigkeit und ewige Seligkeit und selige Ewigkeit. Denn „mein Hirt ist der Herr.“

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